09_charite_streik.jpg
Es werden immer mehr – Charité-Beschäftigte beim zweiten Streik im SeptemberFoto: Florian Boillot

Zum allerersten Mal in seinem Leben ist er bei einem Streik dabei. "Das muss jetzt sein", findet Christian Dürr, Anästhesie- und Intensivpfleger an der Berliner Charité. Schließlich gehe es darum, dass die Patientinnen und Patienten bestmöglich versorgt werden – und sie selbst halbwegs gesund durch ihr Berufsleben kommen. "Aus edleren Gründen kann man nicht streiken", meint der 35-Jährige.

Die Beschäftigten von Europas größtem Universitätsklinikum wollen verhindern, dass die verbindlichen Mindestbesetzungen für die Stationen wieder gekippt werden. Denn als Reaktion auf das Kürzungspaket der Bundesregierung hat die Geschäftsführung der Charité den Entlastungstarifvertrag zum Jahresende gekündigt. Rund 800 Beschäftigte sind seitdem neu in ver.di eingetreten. Und es werden immer mehr.

Mit wochenlangen Streiks hatte die Belegschaft vor fünf Jahren mühsam erkämpft, dass verbindliche Personalvorgaben für die Stationen und Bereiche festgelegt wurden. "Wir merken einen Riesenunterschied", sagt Christian Dürr. In seiner Anfangszeit am Herzzentrum der Charité sei er mitunter allein für vier bis fünf Intensivpatient*innen zuständig gewesen. "Dahin wollen wir nicht zurück." Der Entlastungstarifvertrag habe dafür gesorgt, dass sich die Bedingungen auf den Stationen spürbar verbesserten. Umso größer sei jetzt die Empörung der Belegschaft.

Eintrittswelle

"Wir lassen nicht zu, dass der Druck, der auf dem Gesundheitssystem lastet, einfach nach unten durchgereicht wird", betont der Krankenpfleger. Mit Gewerkschaft habe er vorher nie etwas zu tun gehabt. Doch ihn beunruhige der Rechtsruck im Land, die Politikverdrossenheit der Bevölkerung. "Ich merke, wie unsere Gesellschaft in Schieflage gerät", sagt Christian Dürr. Deshalb war er sofort Feuer und Flamme, als ihn eine Gewerkschaftskollegin im Pausenraum ansprach. Sie erklärte, was auf dem Spiel steht, wenn der Entlastungstarifvertrag nicht mehr gilt – und was sie mit ver.di vorhaben. Ob er bereit sei, sich zu organisieren? Der 35-Jährige musste nicht lange überlegen. "Ich halte es für meine demokratische Pflicht, mich einzumischen", sagt der Krankenpfleger. "Mich für gute Arbeitsbedingungen einzusetzen – mit den Mitteln, die wir haben."

Seit dem Start der Kampagne im Frühling verzeichnet ver.di eine Welle von Eintritten. "Das toppt alles", sagt Dana Lützkendorf, bei ver.di in Berlin fürs Gesundheitswesen zuständig. "Wir haben an der Charité jetzt so viele Mitglieder wie noch nie." Zum Erfolg tragen vor allem die persönlichen Eins-zu-eins-Gespräche bei. Und die starke Beteiligung der Kolleg*innen. Die Beschäftigten bestimmen auf ihren Stationen sogenannte Teamdelegierte, die über alle wichtigen Schritte mitentscheiden und die Rückkopplung in ihre Bereiche sicherstellen. Für einen kräftigen Schub habe die Geschäftsführung selbst gesorgt, so Dana Lützkendorf, als sie juristisch gegen die Streiks zu Felde zog – und vor Gericht erwirkte, dass die Notdienste teilweise mit mehr Personal besetzt werden müssen als sonst normale Schichten. "Darüber waren viele Kolleg*innen total sauer."

Im September streikten sie einmal drei und einmal zwei Tage. Es gab Workshops und Küche für alle, die Beschäftigten drehten Videos und malten Plakate. Prominente, solidarische Unterstützung gab es von Musiker Peter Fox, der für die Pflegekräfte sang. "Wir sorgen dafür, dass der Entlastungstarifvertrag bleibt", ist Dana Lützkendorf überzeugt. "Uns ist bewusst, dass die Charité einen Leuchtturmcharakter hat." Andere Kliniken beobachteten genau, was hier passiere.

Im Team von Christian Dürr waren vorher drei ver.di-Mitglieder, jetzt sind sie schon zu zehnt. "Jedes Mal ist einer mehr dabei", sagt der Krankenpfleger. Die Stimmung sei super, "total kämpferisch". Für ihn steht fest: "Für uns gibt es kein Zurück."

Zum Streik-Video mit Musiker Peter Fox einfach den QR-Code hier scannen und anschauen.