Ausgabe 05/2026
Musik

Farin Urlaub: Ein Lächeln im Gesicht
Dann ist wohl wirklich Zeit, Panik zu bekommen, wenn selbst der Strahlemann des deutschen Pop düster in die Zukunft blickt. Zwar hat Farin Urlaub seinem neuen Solo-Album den heiteren Titel Ein Lächeln im Gesicht gegeben, aber analysiert dann in "Happy 2bD" ("Happy to be deutsch") die Gegenwart, zählt die vier großen "B" auf ("Bratwurst, Bockbier, Beckenbauer, Benz") und prophezeit 88 Prozent für die AfD. Gleich darauf, in "Sonnenschein im Februar", dräut ihm die Erkenntnis: "Wir sterben alle irgendwann." Später, in "Kein Pardon", rechnet er ab mit Bodyshaming, und diagnostiziert ganz nebenbei dieses Land. "Hass hat hier immer Hochsaison", singt er, und: "Die Welt ist schön, die Menschen sind böse." Musikalisch spielt Farin Urlaub mit Mariachi-Musik, Ennio Morricone oder Gregorianischen Chorälen herum wie ein Kind im Sandkasten, aber meist schmettern die Gitarren, wie man es auch von seiner Stammband Die Ärzte kennt, und die optimistischen Melodien drängen sich forsch in den Vordergrund. Aber auch das kann die dystopische Grundstimmung nicht mehr geraderücken. Farin, warum hat uns selbst deine gute Laune verlassen?
Thomas Winkler
Vertigo Berlin/Universal
Ebow: Typologie eines Lebens
Ebru Düzgün ist Enkeltochter türkischer Immigranten, sie ist Kurdin und Alevitin, sie ist Münchnerin, die in Berlin und Wien lebt, sie ist queer – und vor allem ist sie Rapperin. Als solche nennt sie sich Ebow, und ihr nun schon sechstes Album heißt nicht umsonst "Typologie eines Lebens". Auf dem verschneidet sie in messerscharf formulierten, immer aber auch sensiblen Reimen, bundesrepublikanische Realitäten mit persönlichen Erfahrungen. In "Butch im Tank" feiert sie mit drastischer Wortwahl eine queere Identität gegen alle Widerstände, in "Novoline" zeichnet sie das herzzerreißende Porträt ihres spielsüchtigen Vaters, und mit "Arbayt", dem zentralen Track des Albums, taucht sie ein in die harten Lebensverhältnisse von Migranten von der ersten bis zur dritten Generation, übt aber auch beißende Kapitalismuskritik. Zusammen mit dem Kollegen Apsilon arbeitet Ebow an einer Veränderung, wie sich Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund selbst positiver wahrnehmen, indem sie einfordern, die Lebensleistung ihrer Eltern und Großeltern, der sogenannten Gastarbeiter*innen, endlich anzuerkennen als entscheidenden Beitrag zum Aufbau des Reichtums dieses Landes – in kultureller, aber auch wirtschaftlicher Hinsicht. Thomas Winkler
Alvozay/Garip Werkstätten
Quadro Nuevo meets Marion & Sobo: Belle Histoire
Quadro Nuevo ist eine der ungewöhnlichsten Gruppen Deutschlands und wohl gerade deshalb so erfolgreich. Italienische Canzoni, Flamenco, Musette-Walzer, Brasilianisches, Orient-Grooves oder Swing, die Band hat diese einzigartige stilistische Vielfalt zu ihrem Markenzeichen entwickelt und reist um die Welt, um sich das jeweilige authentische Feeling einzuverleiben. Seit 1996 präsentiert die Combo das alles in einer erstaunlichen Paarung aus scheinbarer musikalischer Schwerelosigkeit und emotionaler Tiefe. Ein Alleinstellungsmerkmal, das Mulo Francel (Saxophone), Andreas Hinterseher (Akkordeon) und D.D. Lowka (Kontrabass) auch durch ihren konsequent akustischen Sound geprägt haben. 4.500 Konzerte und Tourneen unter anderem nach Argentinien, den USA und China, bislang ausschließlich als Instrumental-Ensemble. Auf ihrem neuen Album nun erstmals plus Gesang. Belle Histoire ist Quadro Nuevos Begegnung mit der französischen Sängerin Marion Lenfant-Preus und dem polnischen Gitarristen Alexander 'Sobo' Sobocinski. Das Repertoire reicht von Chanson über Piazzolla-Tango bis zu Gypsy Swing. Dennoch klingt auf diesem Erstlingswerk alles wie aus einem Guss, als würden die Musiker bereits eine lange Bandgeschichte miteinander teilen. Peter Rixen
Fine Music/EDEL

