Auch Menschen mit Einschränkungen haben Fernweh

Reisemaulwurf – Hauptberuflich berät André Scholz als Pflegeberater Pflegebedürftige und ihre Angehörigen in Berlin. Seit 18 Jahren ist er als Berater tätig und hat die Pflegestützpunkte in der Stadt mit aufgebaut. Beim Besuch eines älteren Paares, das früher viel gereist war, wurde ihm klar, dass Auszeit und Erholung vom Pflegealltag kaum Thema in der Pflege sind. Dabei ist Reisen nicht nur für ihn, sondern für viele Menschen ein wichtiger Aspekt von Lebensqualität und Lebensfreude. Gerade deshalb sollte Urlaub auch für Menschen mit Einschränkungen und ihre oft stark belasteten Bezugspersonen möglich sein, fand Scholz. Und er beschloss, diese Leerstelle zu schließen.

Bereits heute sind in Deutschland fast sechs Millionen Menschen pflegebedürftig – und die Zahl wird aufgrund der demografischen Entwicklung weiter deutlich steigen. Scholz weiß, was ein Mensch mit Demenz, eine Schlaganfall-Patientin, ein junger Mensch im Rollstuhl oder eine Familie mit einem pflegebedürftigen Kind benötigt und was zu bedenken ist, um aus Wünschen und Unterstützungsbedarf passende Urlaubsvorschläge zu entwickeln.

Auf einer Plattform wollte er Hotels und Ferienregionen mit dieser Nachfragegruppe in Kontakt bringen. Vor zehn Jahren gründete er deshalb den gemeinnützigen Verein Reisemaulwurf und hoffte, 50 Menschen oder Unternehmen zu finden, die den Aufbau mit monatlich 25 Euro als Fördermitglieder unterstützen oder für den Verein spenden würden.

Das hat sich leider als Illusion erwiesen. Auch das Interesse von Hotelbetreibern, sich dieser Kundengruppe zu öffnen, erwies sich als begrenzt, musste der inzwischen 60-Jährige erkennen. "Ich habe immer wieder gehört, dass andere Gäste dann nicht wieder buchen, wenn sie im Hotel zu viel Bedürftigkeit und Behinderung erleben", sagt Scholz. Hinzu kommt, dass die Bedarfe von Menschen mit Hilfe- und Pflegebedarf sehr unterschiedlich sind. Wer nicht gut sehen oder hören kann, hat völlig andere Probleme als ein Paar, von denen einer Parkinson hat.

300 Anfragen pro Jahr

Dennoch: Etwa 300 Anfragen beantwortet der Reisemaulwurf jedes Jahr. Auf der Website kann ein Fragebogen ausgefüllt werden: Wohin soll es gehen und wie angereist werden, welche Unterkunft wird gewünscht und welche Pflege, Entlastung oder Hilfsmittel werden vor Ort benötigt? Scholz beantwortet die Anfragen kostenlos und gibt Tipps.

Hilfreich ist auch die Plattform "Reisen für Alle", die verlässliche Informationen zur Barrierefreiheit von Urlaubszielen bereitstellt. Zudem gibt es eine langsam größer werdende Zahl von Reiseanbietern und Reiseveranstaltern, die sich auf Menschen mit Rollstuhl oder Gruppenreisen für Seniorinnen mit Einschränkungen spezialisiert haben. Hinzu kommen Pflegehotels, Reisebegleiterinnen und zunehmend auch Regionen, die sich auf Gäste mit Unterstützungsbedarf einstellen. Scholz' Expertise ist da immer wieder gefragt: Häufig wird er zu Vorträgen eingeladen oder von Fachzeitschriften interviewt. Doch die finanzielle Basis des Reisemaulwurfs ist schmal geblieben; größere Zuwendungen sind die Ausnahme. Um das Engagement langfristig fortführen zu können, braucht es weitere Unterstützer und verlässliche Förderung. Doch erst einmal macht Scholz mit Überzeugung und ehrenamtlichem Ein-satz weiter. Annette Jensen

reisemaulwurf.de

reisen-fuer-alle.de