Ausgabe 05/2026
Bullerbü bekommt Risse

Ein Abend Anfang Juni im Hafen von Rostock: In knapp zwei Stunden legt hier die Fähre nach Trelleborg in Südschweden ab. Überwiegend Autos und Wohnmobile mit deutschen Kennzeichen warten hier darauf, dass die Abfertigung beginnt. Die Deutschen zieht es in den Norden Europas. Bei der 42. Deutschen Tourismusanalyse, die im Sommer veröffentlicht wurde, landete Skandinavien auf Platz vier bei der Frage nach den außerdeutschen Reisezielen für dieses Jahr. In Schweden haben Reisende aus Deutschland 2025 zum zweiten Mal in Folge den Spitzenplatz bei den ausländischen Gästen eingenommen. Mehr als 80 Prozent von ihnen urlaubten nicht zum ersten Mal in Schweden.
Doch was zieht Deutsche nach Schweden? "Es ist die Natur", sagt eine Frau, mit der ich kurz nach der Ankunft auf schwedischem Boden in Ystad ins Gespräch komme. Sie sei seit 60 Jahren immer wieder auf Reisen, habe schon viel von der Welt gesehen, erzählt sie: "Aber die Natur hier ist einmalig."
24 Menschen auf einem Quadratkilometer
Sie ist mal von Landwirtschaft geprägt, mal waldreich, mit vielen Seen, sanften Hügeln, gen Norden wird es karger, und überall ist viel Platz. 24 Menschen teilen sich hier den Quadratkilometer, in Deutschland sind es 236. Je weiter man nach Norden kommt, desto einsamer wird es. Etwas mehr als 10 Millionen Menschen leben in Schweden, 1,5 Millionen von ihnen im Ballungsraum Stockholm. Mit 325.000 Einwohnenden ist Malmö schon die drittgrößte Stadt des Landes.
Unberührte Natur, endlose Weite, Ruhe, lange Tage im Sommer – diese Gründe für den Schwedenurlaub werden immer wieder in Umfragen genannt. Mehr als 33.000 Deutsche lebten 2024 in Schweden, sie haben sich entschieden zu bleiben. "Wenn ich mir irgendwann von meiner Rente nur noch einen Kaffee leisten kann, dann will ich ihn wenigstens hier am See trinken", sagt eine Ausgewanderte und deutet auf einen idyllischen Platz mit Aussicht.
Neben der Natur haben die Familie günstige Immobilienpreise, gute Leistungen für Familien sowie die gute gesundheitliche Versorgung auch auf dem Land – und sei es mit Telemedizin – überzeugt.
Schweden ist weitgehend digitalisiert. Das spüren auch Tourist*innen. Bargeld gibt es kaum noch. Der Parkschein wird mit einer App gebucht, die Postkarte nach Deutschland kostet umgerechnet mehr als 4 Euro. E-Mail statt Brief, um ihren Universaldienst mit Zustellung auch in den entlegensten Regionen mindestens alle zwei Tage aufrecht erhalten zu können, muss PostNord die Preise entsprechend anpassen.
Der Klimawandel
Bei der Begeisterung für Schweden spielt auch der Klimawandel eine Rolle. Während die Temperaturen rund um das Mittelmeer im Sommer in ungeahnte Höhen steigen, bleibt es hier deutlich kühler. Ende Juni, als Deutschland tagelang unter 40 Grad und mehr ächzt, ist Schweden in medialem Aufruhr, weil für den Süden des Landes drei Tage lang 30 Grad angesagt sind. "Hast Du mal geschaut, wie es bei uns zu Hause aussieht", fragt eine niederländische Touristin die Campingplatzbetreiberin, die sie vor der nahenden Hitzewelle warnen will.
Dennoch plätschern in Malmö und in der gesamten Region Skåne in diesem Sommer keine Brunnen mehr, große Schilder erklären in zwei Sprachen, das sei eine der Reaktionen auf den Wassermangel in Südschweden. Auch in anderen Regionen wird seit Jahren insbesondere im Sommer nach längeren Trockenzeiten immer wieder zum Wassersparen aufgerufen. Noch reden offizielle Stellen nicht von Wasserknappheit, es gehe um einzelne Regionen, um begrenzte Zeiträume.
Sehr beliebt: rot-weiße Ferienhäuser
Während des Urlaubs kann man seine Füße immer noch in einen der zahllosen schwedischen Seen halten. Auch sie sind es, die die Touristen anziehen. Kanufahren, Wassersport im Allgemeinen, Angeln, aber auch Wandern zählen zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten deutscher Tourist*innen. Viele Campende sind hier unterwegs, oft mit dem Wohnmobil oder dem Zelt, ganz nah an der Natur. In Schweden zahlt man in der Regel für den Stellplatz, egal mit wie viel Personen man unterwegs ist. Das macht Camping für Familien interessant.
Sehr beliebt bei Deutschen sind Ferienhäuser, am liebsten die rot-weißen. Reist man durchs Land, sieht man, dass das kein Klischee ist: Rot-weiß gestrichene Holzhäuser, davor die blau-gelbe schwedische Fahne am Mast, das alles umgeben von grüner Natur, so sieht Schweden tatsächlich vielerorts aus.
Es ist eine Reise nach Bullerbü, ein Bild von Schweden, das für viele Deutsche bereits im Kindesalter durch die Verfilmungen von diversen Astrid-Lindgren-Romanen aus den 1960er bis 1980er Jahren geprägt wird. Einige der Originaldrehorte liegen rund um Vimmerby in Småland, die Villa Kunterbunt steht allerdings auf Gotland.
Längst dominieren jedoch Krimis aus Schweden die literarische Wahrnehmung des Landes. Auch dabei spielen die rot-weißen Holzhäuser und unberührte Natur eine Rolle. Sie stehen für eine organisierte Wohlstandsgesellschaft – und bilden den perfekten Kontrast zu den grausamen Verbrechen, heißt es beim Verlag Droemer Knaur. Oft sind die Verbrechen verbunden mit sozialer Ungleichheit, Einsamkeit, familiären Abgründen – kurz: mit Gesellschaftskritik.
Serienmördern auf der Spur
Verfilmungen tragen dazu bei, dass selbst die vermeintlichen Orte von Serienmorden die Touristen anziehen. So wie Ystad. Hier wirkte Kommissar Kurt Wallander. Dessen Schöpfer Henning Mankell wollte vermeiden, dass seine Figur in der südschwedischen Hafenstadt kommerzialisiert wird. Heute können in den Filmstudios am Ortsrand original Sets von den Dreharbeiten besichtigt werden, an der Touristen-Information gibt es den Wallander-Guide in drei Sprachen, der zu 109 Zielen in der Region führt – bekannt aus Buch und Film.
Bullerbü-Land, die Krimis als Fiktion, ein wohliges Grausen in heiler Welt? Mitnichten. "Bandenkriminalität – mit teils gewaltsamen Auseinandersetzungen – kommt überwiegend in größeren Städten vor", schreibt das Auswärtige Amt aktuell in einer Reisewarnung. Zudem warnt es vor Kleinkriminalität, insbesondere an touristischen Zentren, auf Fähren und an Flughäfen, vor Autoeinbrüchen und Überfällen auf Wohnwagen und Wohnmobile auch auf Campingplätzen (Ich habe davon nichts mitbekommen).
Bullerbü bekommt erste, wenn auch feine Risse, wenn die Krimi-Fiktion in den Alltag zu schwappen scheint. "Ihr seid jung, reist so weit und so lange es noch geht, die Welt wird immer verrückter", hat mir die weitgereiste Frau in Ystad mit auf den Weg gegeben. Das sollten wir alle tun.
Infos
Anreise
Schiff: Von deutschen Ostseehäfen sowie Swinemünde (Polen) zu verschiedenen Orten an der Süd- und Westküste. Alternativ von Kiel nach Oslo.
Straße: Über Dänemark und den Öresund (Brücke/Tunnel mautpflichtig) nach Malmö. Alternativ mit dreiviertelstündiger Fährfahrt von Puttgarden/ Fehmarn nach Rødby (Dänemark), dann weiter Richtung Öresund.
Bus/Zug: Mehrere Fernbusse und -züge täglich; Nachtzug von Hamburg, Berlin und zeitweise auch von Dresden über Malmö nach Stockholm (Snälltåget). Schweden ist relativ gut mit Bussen und Bahnen erschlossen, der Süden besser als der Norden.
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