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Der Passfälscher

Als Jude lebt Cioma Schönhaus 1942 in Berlin sehr gefährlich, zumal er Aktivitäten riskiert, die anderen leichtsinnig erscheinen: Er diniert in Restaurants, fährt im öffentlichen Bus zu seiner Liebe oder verkauft Möbel seiner deportierten Eltern, die ihm nicht mehr gehören. Tatsächlich hat sich diese Geschichte eines Holocaust-Überlebenden so zugetragen. Mit Cleverness, Charme und Chuzpe lässt sich offenbar sogar in einer Diktatur etwas Lebensfreude bewahren, ermutigt der packende, subtile Film, ohne die NS-Zeit zu verharmlosen. Der ausgebuffte Held versteht sich auf die notwendige "Mimikry", tarnt sich in fremder Uniform als Soldat, lenkt in brenzligen Situationen als strammer Nazi von sich ab und fälscht im Untergrund Pässe, die ihm begehrte Lebensmittelmarken eintragen. Momente von Unbeschwertheit, untermalt von einem beschwingten Soundtrack, und eine angespannte Nervosität halten sich die Waage in Perens' tiefgründiger Erzählung. Die Gefahren lauern hinter allen Ecken, ob auf der Wartebank vor einem Fundbüro oder in Begegnungen mit ambivalenten Nebenfiguren, die als überzeugte Mitläufer auftreten, aber auch Menschlichkeit zeigen. Kirsten Liese

D 2022. R: Maggie Peren. D: Louis Hofmann, Jonathan Berlin, Luna Wedler, Nina Gummich. 117 Min., KinoStart: 13.10.22

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Rimini

In seinen Shows singt Richie immer noch "Amore mio" und "Immer wieder geht die Sonne auf". Aber die meisten Fans sind dem abgehalfterten Schlagerstar längst abhandengekommen, der im winterlichen Rimini nun nebenher ältere Damen als Gigolo beglückt, um über die Runden zu kommen. Selten wirkte die Stadt an der Adria mit leerstehenden Wohnungen, verschneiten Straßen und Obdachlosen am Strand so trostlos. Allein ein Poster vom einstigen Frauenschwarm in Jugendzeiten erinnert noch an seine glamouröse Vergangenheit. Ulrich Seidl ist ein Spezialist für solche verkrachten Existenzen, die ihren Frust in Alkohol ertränken und Sehnsüchte mit derbem Sex überspielen. Zwar könnte man meinen, der aufgedunsene Narzisst habe sich seine Misere selbst zuzuschreiben, aber die Situation ist komplexer. Denn sichtbar wird nicht nur das Versagen des Suffkopps, der seine Familie im Stich gelassen hat, sondern auch seine Reue in der Wiederbegegnung mit seiner Tochter. En passant setzt die Charakterstudie, erster Teil eines Diptychons über zwei Brüder, Hans-Michael Rehberg in seiner letzten Kinorolle als schwermütiger Vater in einem Pflegeheim ein berührendes Denkmal. Kirsten Liese

D/A/F 2022. R: Ulrich Seidl. D: Michael Thomas, Tessa Göttlicher, Georg Friedrich. 114 Min., KinoStart: 6.10.22

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Liebe, D-Mark und Tod – Ask, Mark ve Ölüm

Als 1955 die ersten sogenannten Gastarbeiter*innen aus der Türkei nach Deutschland kamen, hatten sie fast alles zurückgelassen. Bis auf ihre Musik. Schnell entwickelte sich in der Diaspora eine eigene, boomende Szene: Ihre Lieder bedienten sich traditioneller Instrumente und Melodien, erzählten aber vom Leben im fremden Almanya, den schlechten Arbeitsbedingungen und der Sehnsucht nach ihrer Heimat. Dieser eigene Soundtrack half den Einwander*innen, mit ihrem Heimweh und dem ihnen entgegengebrachten Rassismus umzugehen. Die Generation ihrer Kinder wiederum hat mit anderen Problemen und Gefühlen zu kämpfen; dementsprechend verändert sich auch ihre Musik. Sie fangen an auf Deutsch über ihre Lebensrealität zu rappen und legen so den Grundstein für den heutigen Pop, aus dem ihre Einflüsse nicht mehr wegzudenken sind. Regisseur Cem Kaya, der sich bereits in früheren Filmen mit türkischen Popphänomenen beschäftigte, erzählt laut und nah, mit umfangreichem Archivmaterial, viel Musik und einer ihm eigenen Coolness. Seine mit dem Panorama Publikums-Preis der Berlinale ausgezeichnete Dokumentation gewährt uns Zugang zu einer schillernden, vielschichtigen Subkultur, an der wir bisher zum Großteil vorbei gelebt haben. Feline Mansch

D 2022, Doku, R: Cem Kaya. D: Yüksel Özkasap, Hatay Engin, Ismit Topcu. 96 Min., Kinostart 29.9.22