Ausgabe 03/2026
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Von Petra Welzel |manchmal braucht es einen 22-jährigen Textilarbeiter aus Pakistan, um daran zu erinnern, wofür Gewerkschaften eigentlich da sind. Ahmad Waleed ist ein Beschäftigter aus mehreren Geschichten dieser Ausgabe, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Er schuftet in einer Textilfabrik in Prato zwölf Stunden täglich, sechs Tage die Woche – für 3,50 Euro die Stunde. Luxusmarken wie Montblanc lassen dort produzieren, das Label sagt "Made in Italy", die Realität sagt etwas anderes. Die Reportage Seiten 6+7.
Dann: junge Frauen beim "Feminist Rage Club" der ver.di Jugend in Berlin, die darüber diskutieren, warum das Bild der perfekten Hausfrau gerade jetzt so verführerisch wirkt – und was es mit Abhängigkeit, Prekarität und strategisch eingesetzten Rollenbildern zu tun hat (Seite 15). Und schließlich das Digitalisierungsspezial dieser Ausgabe: KI-Agenten, die ganze Büroprozesse übernehmen, Tech-Konzerne, die Europas Infrastruktur kontrollieren, und die Frage, wer eigentlich entscheidet, wie diese Technologie eingesetzt wird (Seiten 17-20).
Was all das miteinander verbindet? In allen Berichten und Interviews dreht es sich darum, wer die Kontrolle hat. Wer bestimmt, unter welchen Bedingungen gearbeitet wird? Wer profitiert von Produktivitätsgewinnen – ob durch Auslagerung in billige Lieferketten, durch Rollenbilder, die unbezahlte Arbeit als weibliche Selbstverständlichkeit normalisieren, oder durch KI, die Routinearbeit übernimmt, ohne dass Beschäftigte gefragt wurden?
Die Antwort ist immer dieselbe. Es kommt darauf an, wer sich organisiert und wer mitbestimmt. In Prato hat eine Handvoll Textilarbeiter mit einer Graswurzelgewerkschaft mehr erreicht als in Jahren stiller Geduld. In Berlin haben junge Frauen kollektive Wut als Ressource entdeckt. Und im Digitalisierungsspezial zeigt eine Studie schwarz auf weiß: In Betrieben mit Mitbestimmung entlastet KI – statt zu ersetzen.
Die Schlussfolgerung? Die Zukunft gehört denen, die sie mitgestalten.
Petra Welzel
Chefredakteurin der ver.di publik