Ausgabe 04/2026
Essen, das krank macht

San Francisco hat die Tabakindustrie vor Jahrzehnten erfolgreich auf über 500 Millionen Dollar Schadenersatz verklagt – jetzt zieht die Stadt im Westen der USA gegen Lebensmittelkonzerne vor Gericht. Der Vorwurf: Tiefkühlpizza, Softdrinks, Ketchup, Frühstücksflocken und Müsliriegel machen Menschen krank – und die Allgemeinheit zahlt.
Auch hierzulande sind etwa die Hälfte des Angebots in Supermärkten hochverarbeitete Produkte, die sich sofort konsumieren lassen oder nur kurz aufgewärmt werden müssen. In vielen Kantinen und Restaurants wird heute ebenfalls mehr mit der Schere als mit dem Messer gearbeitet. Die meisten Fertiggerichte und Snacks enthalten viel Zucker, Salz, modifizierte Fette sowie eine Vielzahl von Aromen, Emulgatoren und Farbstoffen. Ein immer gleicher Geschmack, Haltbarkeit und Profit sind die Ziele der Produktion – das Angebot soll das Verlangen wecken– nach mehr, immer wieder.
Aus dem Labor
In den Laboren der Industrie experimentieren Produktdesigner lange, um einen sanften Schmelz, das Krachen der Schokoladenhülle beim Eis oder den rauchigen Duft von Kartoffelchips hinzukriegen. Gezielt stacheln sie physiologische Reaktionen des Gehirns auf Geschmackserlebnisse an, damit kein Sättigungsgefühl eintritt und das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet wird. Das motiviert zur Wiederholung und spielt eine wichtige Rolle bei Suchterkrankungen.
In der Regel sind diese Lebensmittel kalorienreich und nährstoffarm. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt seit Jahren, dass derlei Nahrungsmittel die Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Adipositas, einige Krebsarten und Depressionen massiv erhöhen. In vielen Fällen mischen die Hersteller Zucker als Füllmittel bei; selbst in scheinbar unverdächtigen Produkten wie Frischkäse ist er oft enthalten. Besonders beliebt in den Laboren der Lebensmittelindustrie ist Fructose-Sirup aus Maisstärke. Der kostet wenig, ist sehr flexibel einsetzbar und erzeugt bei den Konsument*innen trotz der Aufnahme von vielen Kalorien nicht das Gefühl, genug gegessen zu haben.
Gefährlich für Kinder
Besonders gefährlich ist diese Ernährung für Kinder und Jugendliche: Wer früh zu viele Kilos ansammelt, wird sie kaum wieder los. Schon im Jahr 2000 warnte die WHO vor einer weltweiten Adipositas-Epidemie – seither hat sich die Zahl übergewichtiger Kinder nahezu verdoppelt. Für das UN-Kinderhilfswerk Unicef ist die weltweite Verbreitung hochverarbeiteter Lebensmittel inzwischen eine der größten Bedrohungen für die menschliche Gesundheit im 21. Jahrhundert. Eine Meta-Studie aus 73 Untersuchungen legt nahe, dass solche Fehlernährung im Kleinkind- und Jugendalter Hirnentwicklung und Intelligenz beeinträchtigt.
Doch nicht nur die Jüngsten sind betroffen: Bei älteren Menschen hat ein Forschungsteam einen Zusammenhang mit der vorzeitigen Alterung des Gehirns nachgewiesen. Und die Zahlen für Deutschland sind drastisch – mehr als die Hälfte der Frauen und etwa zwei Drittel der Männer sind übergewichtig, fast 19 Prozent der Erwachsenen sind adipös. Die volkswirtschaftlichen Kosten werden auf mehr als 60 Milliarden Euro jährlich geschätzt.
Angeblich Privatsache
Doch die Manager von Nestlé, Unilever, Coca-Cola oder Mars argumentieren stets, dass Ernährung Privatsache sei und man es den Leuten schon selbst überlassen solle, was ihnen schmeckt. Das ist auch in der deutschen Politik eine verbreitete Haltung. Dabei hatte der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz schon vor Jahren dargelegt, dass die Verfettung der Gesellschaft nicht auf das persönliche Versagen der Betroffenen zurückzuführen sei, sondern vor allem eine Folge der Ernährungsumgebung ist. Snacks und Softdrinks sind praktisch überall verfügbar.
In Supermärkten dominieren Angebote in Plastikverpackungen, Dosen, Alutüten und aus dem Tiefkühlregal. Nestlé, der größte Lebensmittelkonzern weltweit mit 2.000 Markenprodukten, gab im vergangenen Jahr neun Prozent seines Umsatzes für Marketing aus. Immer mehr Werbung läuft über digitale Plattformen; Influencer*innen sollen vor allem Kinder und Jugendliche ködern und verdienen gut damit.
Über 100 Länder erheben inzwischen Abgaben auf süße Getränke. Doch in Deutschland galt eine Zuckersteuer lange als Tabu – die Politik setzte auf freiwillige Selbstverpflichtung. Noch im Februar hatte der CDU-Parteitag einen entsprechenden Antrag abgelehnt. "Eine Zuckersteuer ist keine Gesundheitspolitik, sondern grüne Bevormundungspolitik", konterte Vize-Generalsekretärin Christina Stumpp einen Vorstoß aus Schleswig-Holstein. Die prekäre Haushaltslage hat nun offenbar ein Umdenken angestoßen. Nachdem die Expertenkommission zur Entlastung der gesetzlichen Krankenkassen eine gestaffelte Steuer auf Softdrinks vorgeschlagen hatte, kündigte Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) im April an: Sie kommt. Das Finanzministerium spricht lieber von "Abgabe" und die Ausgestaltung ist noch unklar. Wahrscheinlich soll die Zuckersteuer erst ab 2028 gelten und die Erträge den Krankenkassen zur Verfügung gestellt werden. Worauf es jetzt ankommt, ist eine kluge Ausgestaltung. In Großbritannien sank der Zuckergehalt von Softdrinks um 30 Prozent und vieles deutet darauf hin, dass Kinder jetzt weniger Löcher in den Zähnen haben und die Zahl der dicken Mädchen und Jungen abnimmt.
Billig dank Subventionen
Dass hochverarbeitete Lebensmittel oft billiger sind als Frisches, liegt auch an der Politik. Die subventioniert in den USA und in Europa vor allem landwirtschaftliche Großbetriebe, die für den Weltmarkt produzieren und sich mit ihren Monokulturen auf die Wünsche der Lebensmittelindustrie eingestellt haben. Die angebauten Sorten sind völlig einheitlich und liefern mit Hilfe von Agrochemie Höchstmengen. Auf der Strecke bleibt dabei nicht nur die regionale Vielfalt. Die durchschnittliche Konzentration an Vitaminen, Proteinen und Kalzium hat bei Nahrungspflanzen seit 1950 massiv abgenommen.
Die Industrialisierung von Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion haben sich gegenseitig befeuert – auf Kosten der Gesundheit von Menschen und Umwelt. Ein Drittel der klimaschädlichen Gase ist auf unser Ernährungssystem zurückzuführen, auch ein Großteil des Artensterbens hängt damit zusammen. Die weltweiten Stickstoff- und Phosphorkreisläufe sind katastrophal gestört, viele Böden degradiert und in immer mehr Regionen droht akuter Wassermangel.
Doch es ginge anders. Dass sogar eine wachsende Menschheit gut ernährt werden könnte, ohne den Planeten weiter zu ruinieren, hat die Eat-Lancet-Kommission dargelegt. Sie hat einen Speiseplan für Mensch und Erde entwickelt – die Planetary Health Diet. Die setzt auf Obst, Gemüse, Nüsse, Bohnen, Linsen und Vollkorngetreide und viel weniger tierische Produkte als heute. Das durchzusetzen ist eine politische Aufgabe.
Editorial
Nachhaltig geht nur sozial
Klimaschutz, das klingt oft nach Verzicht und nach Privatsache: Licht aus, weniger Fleisch, Fahrrad statt Auto. Doch die Texte in diesem Spezial erzählen etwas anderes. Da ist zum Beispiel Uruguay, das seinen Strom fast vollständig aus erneuerbaren Quellen gewinnt – und trotzdem zahlen die kleinen Haushalte die Rechnung, während internationale Investoren die Gewinne einstreichen. Und da ist unser Ernährungssystem, das Menschen krank macht und dem Planeten schadet. Dass die ökologische Frage auch eine soziale ist, zeigen Beschäftigte, die in einem Projekt zur sozialen Klima-Wende lernen, was sie zur Zukunft beitragen können. Ihr Fazit: "Wir müssen was machen." Und sie machen. rischu