Ausgabe 04/2026
Die Rechnung zahlen die Haushalte

In Südamerika gibt es ein Land, das halb so groß ist wie Deutschland und sein Stromsystem innerhalb weniger Jahre komplett umgebaut hat. In Uruguay kommen heute 98 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen: Wasser, Wind, Biomasse und Sonne. Damit ist das Land mit seinen knapp 3,5 Millionen Einwohner*innen bei der Elektrizitätsversorgung so gut wie unabhängig.
Nicht Klimaschutz, sondern Krise
Auslöser für den rasanten Umstieg war nicht der Klimaschutz, sondern eine tiefe Wirtschaftskrise vor etwa 20 Jahren. Uruguay war damals extrem abhängig von Ölimporten insbesondere aus Argentinien – und die wurden während der Finanz- und Wirtschaftskrise zu einem riesigen Problem. Zugleich herrschte damals eine extreme Dürre; Flüsse und Seen trockneten aus, die für Uruguay bis heute sehr wichtigen Wasserkraftwerke lieferten kaum noch Strom. Immer wieder brach die Versorgung zusammen.
Ein Ingenieur übernimmt
In dieser Situation traf der Elektroingenieur Ramón Méndez Galain mit seinem Umbauplan auf offene Ohren: Er schlug einen radikalen Abschied Uruguays von fossilen Energien vor. Obwohl er keine politische Erfahrung mitbrachte, ernannte ihn die damalige, links orientierte Regierung zum Nationalen Energiedirektor im Industrieministerium. Zugleich organisierte sie die Zustimmung für einen überparteilichen 25-Jahres-Plan im Parlament und die Energiewende bekam Verfassungsrang.
Private Investoren aus aller Welt sollten beim Umbau eine entscheidende Rolle spielen. 2009 starteten die ersten Bieterverfahren. Und genau hier setzt die Kritik von Jhony Soldivia an, der die Gewerkschaft AUTE leitet, deren Mitglieder bei der staatlichen Energiegesellschaft UTE arbeiten. "Natürlich sind wir für Klimaschutz, das ist gar nicht die Frage. Was wir kritisieren, ist die Ungerechtigkeit der Energiewende: Die, die am wenigsten haben, müssen am meisten dafür zahlen." Nachdem früher die komplette Energieversorgung Uruguays in den Händen des Staatsunternehmens UTE gelegen hatte, liegt sie heute nur noch zu 60 Prozent dort.
Weil die Geldgeber für die neuen Wind- und Solaranlagen mit hohen, langjährigen Festpreisen und Abnahmegarantien gelockt wurden, sind die Strompreise in Uruguay für private Haushalte heute viel höher, als sie es bei einem anderen Geschäftsmodell gewesen wären. Auch die Steuernachlässe für große Unternehmen müssen letztendlich die kleinen Leute zahlen, fasst Soldivia zusammen, der auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Juni in Deutschland war und dabei auch ver.di besuchte.
Bei einem Plebiszit 1991 hatte sich die Bevölkerung klar gegen eine Privatisierung der Energie-, Wasser- und Kommunikationsversorgung positioniert. Trotzdem wurde ein paar Jahre später ein regulatorischer Rahmen geschaffen, der den Einstieg von Privaten prinzipiell ermöglichte: UTE wurde verpflichtet, allen privat produzierten Strom abzunehmen. "Doch lange gab es gar kein Interesse von Investoren, ihr Geld in Uruguays Kraftwerke anzulegen", berichtet Jhony Soldivia. Das änderte sich mit den 2008 verabschiedeten Umbauplänen. Steuernachlässe und fixe Abnehmerpreise über 20 Jahre waren für Firmen aus dem Ausland so verlockend, dass das für 2015 avisierte Zwischenziel schon zwei Jahre früher erreicht wurde.
Von Vorteil für die Neuausrichtung der Energieerzeugung sind ohne Zweifel die Rahmenbedingungen in Uruguay. Das Land gilt als stabil und rechtssicher. "Seit dem Ende der zivil-militärischen Diktatur im Jahre 1985 leben die Uruguayerinnen und Uruguayer in einer mit europäischen Standards vergleichbaren Demokratie", urteilt das deutsche Wirtschaftsministerium. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist etwa doppelt so hoch wie im Durchschnitt Lateinamerikas. Und auch die natürlichen Gegebenheiten sind vorteilhaft für erneuerbare Energien. Über den endlosen Weiten der Pampa weht der Wind in kräftigen Böen, zugleich ist das Land außerhalb der Großstädte sehr dünn besiedelt. Hinzu kommt der natürliche Wasserreichtum Uruguays. Schon seit langem gibt es vier riesige Staudämme. Der größte, Salto Grande, wird zusammen mit Argentinien betrieben und hat eine installierte Gesamtleistung von 1.890 Megawatt. Zum Vergleich: Das abgeschaltete Kernkraftwerk Isar 2 in Niederbayern etwa hatte rund 1.485 MW.
50.000 Jobs? "Unsinn"!
50 Windparks sind in den vergangenen Jahren entstanden. Immer wieder wird berichtet, dass das neue System 50.000 neue Arbeitsplätze geschaffen habe. "Das ist Unsinn", sagt Jhony Soldivia. Natürlich habe es in der Bauphase der Windparks vorübergehend neue Jobs gegeben. Doch sobald die Anlagen stehen, braucht es für ihren Betrieb so gut wie kein Personal mehr. Der AUTE-Präsident kritisiert, dass sowohl die Windräder selbst als auch Reparaturteile importiert werden müssen und es verpasst wurde, Produktionsstätten in Uruguay aufzubauen.
Kaum Blackouts – dafür teuer
Fast sieben Milliarden US-Dollar wurden zwischen 2010 und 2022 in den Umbau von Uruguays Energiesystem investiert. Die lukrativen und aufgrund der staatlichen Garantien risikolosen Geschäfte tätigen Private. Dagegen ist das öffentliche Unternehmen UTE dafür zuständig, alle Anlagen anzuschließen und zugleich das Netz stabil zu halten. Das ist aufgrund des hohen Windanteils schwieriger geworden, doch es gelingt: In Uruguay gibt es so gut wie keine Blackouts mehr.
Dazu tragen zum einen Smart-Grids bei. Sie ermöglichen es Verbraucher*innen, den Strom billiger zu beziehen, wenn viel produziert wird. Auch regelbare Wasserkraftwerke sind hilfreich, so lange es nicht wieder eine Dürre gibt. Etwa 600 Millionen US-Dollar investiert UTE in den kommenden Jahren in diese Technik, meldet die Deutsch-Uruguayische Industrie- und Handelskammer.
Rund zwei Prozent des Stroms kommen nach wie vor auch aus Öl-Kraftwerken. "Wir müssen sie als Backup vorhalten, damit alles 24/7 funktioniert," erläutert Soldivia. Das ist notwendig – und teuer. Hätte der Staat nicht nur die kostenintensive Netz-Infrastruktur behalten, sondern auch die Windräder selbst gebaut, wäre das für die Gesellschaft deutlich günstiger geworden, ist AUTE überzeugt. Im vergangenen Herbst kostete eine Kilowattstunde Strom für Privatleute im Durchschnitt 0,26 Dollar – das entspricht etwa den Strompreisen in Deutschland, wobei die Einkommen in Uruguay deutlich niedriger liegen. Während die Haushalte so wesentlich mehr zahlen als weltweit üblich, kommt die Industriekundschaft aufgrund von Subventionen billiger weg.
In den kommenden Jahren will Uruguay auch die Wärme- und Mobilitätswende weg von fossilen Energien schaffen. Der öffentliche Nah- und Fernverkehr soll bald komplett mit Strom betrieben werden. Und für den weltweit begehrten grünen Wasserstoff will Uruguay ein wichtiger Lieferant werden und dafür auch Offshore-Wind nutzen. Das Ministerium für Industrie, Energie und Bergbau hat bereits ein Förderprogramm aufgelegt, um internationale Investoren anzulocken. Deutsche Unternehmen wie Enertrag und Linde gelten als deutsche Vorreiter und sind schon vor Ort.
Jhony Soldivia kritisiert, dass erneut internationale Investoren den Großteil der Gewinne einstreichen werden, derweil die Infrastrukturkosten absehbar in der öffentlichen Hand hängen bleiben. Eine der Folgen dieser Politik: Um Kosten zu senken, hat UTE in den vergangenen Jahren viele Bereiche outgesourct – und dort verdienen die Kolleg*innen nun deutlich weniger.