Ausgabe 04/2026
Mit Klimaschutz viel Geld sparen

ver.di publik : Die Temperaturen steigen und die Deutsche Krankenhausgesellschaft fordert über 30 Milliarden Euro für Umbauten. Wofür?
Maurizio Bär: Viele Krankenhäuser haben alte Gebäudestrukturen. Sie müssen gedämmt werden und brauchen Wärmepumpen zum Heizen im Winter und Kühlen im Sommer. In 20 bis 30 Jahren zahlen sich solche Maßnahmen aus, weil die Betriebskosten massiv sinken. Aber Kliniken, Pflege- und Sozialeinrichtungen haben nicht das Geld für diese Investitionen – und die Politik hat bisher leider nur wenige Fördermittel bereitgestellt.
Das deutsche Gesundheitssystem ist heute enorm klimabelastend – je nach Studie verursacht es 5,2 bis 6,7 Prozent der Treibhausgas-Emissionen. Wie kommt das?
Wir haben in den vergangenen 100 bis 200 Jahren tolle Erfolge erzielt, aber gleichzeitig ist die heutige Medizin wahnsinnig ressourcenintensiv. Sie benötigt sehr viel Energie für Maschinen und verursacht extrem viel Abfall durch Einmalgeräte. Auch Mobilität und Ernährung sind sehr klimarelevant. Und wir verbrauchen große Mengen an Narkosegasen. Dass Desfluran enorm klimaschädlich ist, weiß man schon länger – und es gibt gute Alternativen. Jetzt endlich hat die EU reagiert, aber lange Zeit war Klimaschutz im Gesundheitswesen kein Thema. Das ändert sich gerade.

Woran merken Sie das?
Etwa zwei Drittel der Krankenhäuser haben inzwischen eine zuständige Person für Klima- und Umweltmanagement. Oft hat sie aber nur ein paar Stunden Zeit für die Aufgaben und meist auch kaum Geld; das soll irgendwie nebenbei laufen. Dabei zeigt sich, dass Gesundheitseinrichtungen viel Geld sparen können, wenn sie Klimaschutz-Projekte voranbringen.
Wie zum Beispiel?
Angesichts der steigenden Energiepreise rechnen sich Photovoltaikanlagen auf dem eigenen Dach, vor allem, weil Krankenhäuser selbst extrem viel Strom verbrauchen. Oder wir machen jetzt gerade ein Projekt zu Einmalhandschuhen. Die werden in deutschen Kliniken in vielen Situationen getragen, wo sie gar nicht gebraucht werden. Es ist oft viel sinnvoller, die Hände zu desinfizieren – sowohl aus hygienischen, als auch auch umweltfreundlichen und aber auch wirtschaftlichen Gründen. Ob sich ein Krankenhaus um solche Fragen kümmert, ist inzwischen auch wichtig für die Mitarbeitergewinnung. Vor allem junge Menschen möchten bei Einrichtungen arbeiten, die das Thema auf dem Schirm haben.
"Die heutige Medizin ist wahnsinnig ressourcenintensiv"
Wie sollten Klimamanager im Krankenhaus vorgehen?
Etwa die Hälfte der Krankenhäuser haben inzwischen eine CO₂-Bilanz im Energiebereich erstellt. Doch etwa 80 Prozent der klimaschädlichen Emissionen gehen auf Einkauf, Mobilität, Narkosegase, Ernährung und anderes zurück. Das wird bisher kaum beachtet. Deshalb stellt KliMeG (Kompetenzzentrum für klimaresiliente Medizin und Gesundheitseinrichtungen) einen kostenlosen Rechner zur Treibhausgasbilanzierung bereit, den wir im Rahmen von zwei Förderprojekten mit den Unikliniken Heidelberg und Freiburg entwickelt haben. Inzwischen erstellen immer mehr Kliniken eine ordentliche Klima-Bilanz, die Voraussetzung ist für einen sinnvollen Maßnahmenplan und messbare Fortschritte.
Sie arbeiten 20 Stunden pro Woche als Klimamanager beim Krankenhaus Havelhöhe, das als Vorreiter gilt. Wie läuft es dort?
Wir sind ein Krankenhaus mit etwa 1.000 Mitarbeiter*innen und 350 Betten in der Regelversorgung. Bei uns werden Entscheidungen – auch im Budgetbereich – gemeinschaftlich von der Vertreterversammlung aller Abteilungen getroffen. Schon bei der Gründung 1995 gab es eine Öko AG. Heute bin ich der Koordinator und Hauptansprechpartner für Klimaschutz, daneben gibt es ein kleines ehrenamtliches Klimateam. Viele Ideen und Anregungen kommen von Mitarbeiter*innen.
Wie sind Sie im Bereich Energie vorgegangen?
Wie wir unser denkmalgeschütztes Gebäude energetisch modernisieren können, war ganz früh ein Thema. Zuerst haben wir die Ölheizungen durch Blockheizkraftwerke ersetzt – das war damals der Stand der Technik. Auch haben wir möglichst energieeffiziente Geräte angeschafft. Das war alles gut bezahlbar, weil sich die Anschaffungen nach wenigen Jahren amortisiert haben. Nach langem Ringen mit dem Denkmalschutz konnten wir auch PV-Anlagen auf den Dächern installieren und erzeugen jetzt 5 bis 10 Prozent unseres Strombedarfs selbst. Gerade läuft bei uns ein Pilotprojekt zur Kombination von Wärmepumpe und Klimadecke sowohl zum Heizen im Winter als auch zum Kühlen im Sommer.
Was sind Klimadecken?
Die funktionieren so ähnlich wie Fußbodenheizungen und werden unter die Decke gehängt. Da fließt dann heißes oder kaltes Wasser durch – und weil die Installation großflächig ist, braucht sie viel niedrigere Vorlauftemperaturen als traditionelle Heizkörper. Das ist eine gute Lösung für schwer dämmbare Gebäudebestände. Aber die Investitionskosten belaufen sich auf 1,5 bis 2 Millionen Euro pro Haus – und wir haben etwa zehn Häuser. Ohne ausreichend Fördermittel wird der Umbau nicht gehen.
Welche Bereiche gehen Sie noch an?
Wir engagieren uns bei der Plattform UKAM – umwelt- und klimafreundliche Arzneimittel und Medizinprodukte. Ein Beispiel sind Inhaliergeräte für Asthmasprays mit Dosier-Aerosolen. Die enthalten sehr umweltschädliche Gase. Anders ist das bei Pulver-Inhalatoren, bei denen die eigene Atmung die Wirkstoffe in die Lunge bringt. Es gibt nur wenige Fälle, bei denen Menschen tatsächlich ein Dosier-Aerosol brauchen. Trotzdem wird es in Deutschland noch sehr häufig verschrieben – anders als zum Beispiel in den nordischen Ländern.
Unser Ernährungssystem ist für ein Drittel der klimaschädlichen Gase verantwortlich – ein starker Hebel. Wie sieht's damit in Havelhöhe aus?
Ernährung ist tatsächlich ein großer Klimafaktor in Krankenhäusern, hauptsächlich durch Fleisch und andere tierische Produkte. Das Absurde dabei ist, dass das zugleich gegen alle Ernährungsempfehlungen verstößt. Das heißt, in vielen Krankenhäusern macht das Essen krank. Wir in Havelhöhe haben vor neun Jahren ein Projekt gestartet für eine Ernährung, die gesund macht. Wir haben mittlerweile nur noch zwei Fleisch- und eine Fischmahlzeit pro Woche, dafür viel Gemüse, und das Fleisch hat höchste Qualität. 60 Prozent der Zutaten bei uns sind bio, und es gibt viel Frisches und Vollkornprodukte aus der Region von Produzenten, mit denen wir langfristige Verträge haben. Insgesamt bezahlen wir fürs Essen etwas mehr als andere Krankenhäuser. Wir haben das so entschieden, weil uns der Aspekt sehr wichtig ist.
War die Umstellung schwierig durchzusetzen?
Es war ein Prozess, der gut vorbereitet sein wollte. Anfangs haben Haus- und Küchenleitung überlegt, wie sie es schaffen, dass alle an einem Strang ziehen vom Einkauf über die Zubereitung bis zum Transport und auch jede Fachkraft das Konzept den Patient*innen erklären kann. Es ist immens wichtig zu schauen, wie man klimafreundliche Prozesse integrieren kann, ohne die Beschäftigten zu überlasten.
Erleben Sie auch Widerstand?
Da habe ich viel gelernt. Wenn man sich tiefer mit der Klimakrise beschäftigt, entsteht das Gefühl einer sehr hohen Dringlichkeit. Die sollte man aber nicht in einer Form nach außen tragen, dass beim Gegenüber eine Abwehrreaktion entsteht. Gut ist immer zu gucken, was jemandem wichtig ist. Meistens haben Klimaschutzprojekte ja auch noch viele andere Vorteile. So zeigen Studien, dass Menschen länger leben, wenn sie zur Arbeit radeln, statt mit dem Auto zu fahren. Viele nutzen die Heimfahrt an der frischen Luft auch für ihre Psychohygiene, um den Kopf frei zu kriegen. Dass das dann auch dem Klimaschutz dient, ist für viele zweitrangig. Am Ende muss man nicht alle überzeugen. Wenn es ein paar gibt, die nicht mitziehen, ist das völlig in Ordnung. Wichtig ist zu schauen, wie man motiviert und die Gesamtbewegung hinkriegt. Interview: Annette Jensen