Ausgabe 04/2026
"Wir müssen was machen"

Diese Woche wird Andreas Keitel keine Herzkranken pflegen. Vor ihm liegt das erste Treffen des "Teams Soziale Klimawende" im ver.di-Bildungszentrum Saalfeld. "Wir müssen was machen, damit wir noch lange etwas von unserem Planeten haben", begründet der 43-Jährige, warum er sich für das Projekt entschieden hat. Er möchte selbst konkrete Beiträge leisten, weiß aber nicht so recht wie.
Wo Andreas vorher gearbeitet hat, klebte an jeder Tür ein Schild "Licht aus? Heizung runter?" Sicher sinnvoll, zumal viele das sonst einfach vergessen. Doch für ihn ist so etwas zu wenig. Was aber kann er verändern im Uniklinikum Jena mit seinen über 7.000 Beschäftigten? Von seiner Kollegin Ellen Ost weiß der Krankenpfleger, dass es vor ein paar Jahren eine aktive Nachhaltigkeits-AG gegeben hatte – aber die ist offenbar eingeschlafen.
Als Niklas Droste auf ihn zukam und fragte, ob er beim Team Soziale Klimawende von ver.di und IG Metall mitmachen wolle, hat sich Andreas gefreut. Niklas war früher hochaktiv bei Fridays for Future und einer der führenden Köpfe bei "Wir fahren zusammen". 2024 hatten die jungen Klimaaktivist*innen die ÖPNV-Tarifrunde mit vielen Aktionen unterstützt. Jetzt ist Niklas ver.di-Projektsekretär. Zusammen mit der IG Metall und dem Bildungsträger NELA hat er ein Konzept ausgetüftelt, bei dem am Ende Nachhaltigkeitsprojekte in Betrieben entstehen sollen. Drei über ein Jahr verteilte Seminarblöcke sind geplant, dazwischen sollen die Teilnehmenden online in Kontakt bleiben. Finanzielle Unterstützung für den Kurs hat die Mercator-Stiftung beigesteuert.
Erschreckende Daten, konkrete Taten
Jetzt sitzen die gut zwei Dutzend Teilnehmenden und das fünfköpfige Leitungsteam im Kreis und es geht um harte Fakten. Die Erdsystemforschung liefert erschreckende Daten: Bei sechs der neun planetaren Grenzen hat die Menschheit den sicheren Handlungsraum hinter sich gelassen. Nicht nur steigen weltweit die Temperaturen. Auch Artensterben, Ewigkeitschemikalien in der Umwelt und die völlig gestörten Stickstoff- und Phosphorkreisläufe sind existenzielle Gefahren. Doch hier soll es darum gehen, sich von alledem nicht überwältigen zu lassen, sondern auf einer soliden Informationsbasis mit Veränderungen anzufangen.
Deshalb bilden die Teilnehmenden erst einmal kleine Teams. Busfahrer*innen sind die größte Berufsgruppe im Projekt – und der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) gehört zweifellos zu den Bereichen, der für eine gute Zukunft wichtiger werden muss. Erste Aufgabe ist es, die Ankündigungen der Regierung zu analysieren. Was da zur Bedeutung des ÖPNV für den Klimaschutz steht, klingt erst einmal gut: Der Bund hat die Fördergelder 2025 verdoppelt. Außerdem hat das Verkehrsministerium die Parole ausgegeben, dass schon 2030 die Hälfte aller Stadtbusse elektrisch fährt. Auch das Angebot soll besser werden – mehr Linien, ein dichterer Takt und vergünstigte Angebote für Nutzer*innen.
"Wenn das funktionieren würde, wäre es durchaus effektiv", urteilt Betriebsrat Patrick Steinbach von der Bogestra im Raum Gelsenkirchen-Bochum. "Aber wo soll denn das Personal dafür herkommen?", fragt Andreas Rieling aus Hannover. Im Vergleich zu 1992 gibt es heute fast 30.000 Stellen weniger im ÖPNV. Auch die Eingruppierung der Fahrer*innen hat sich verschlechtert. Die Arbeitsbedingungen sind hart mit Wochenend- und ständigen Wechselschichten, die nicht selten nachts um drei Uhr anfangen. Selbst der Arbeitgeberverband VDV spricht von 20.000 unbesetzten Stellen – und wenn die Babyboomer in ein paar Jahren weg sind, braucht es 110.000 neue Beschäftigte, nur um den Status quo zu halten.
Doch obwohl die Verkehrswende ohne deutlich mehr Personal nicht funktionieren kann, steht dazu kein Wort im Koalitionsvertrag. "Ich sehe auch nicht, dass von den 500 Milliarden Euro Sondervermögen für Infrastruktur irgendwo was im ÖPNV ankommt", ergänzt Katrin Dreier-Lippmann, die seit zweieinhalb Jahren als Quereinsteigerin in Jena hinterm Steuer sitzt und ihren neuen Beruf so liebt, dass sie sich sogar einen Bus auf den Arm hat tätowieren lassen.
Was sie und ihre Kollegen stattdessen beobachten: Immer wieder werden Verbindungen ausgedünnt, weil Fahrer*innen fehlen. Auch bei der Einführung der E-Busse hat es vielerorts mächtig gerumpelt, die Skepsis in den Betrieben ist groß. Schon nach kurzer Zeit ist klar: Im Grundsatz ist man sich hier im Raum einig. Der Beruf braucht mehr Wertschätzung, die Kolleg*innen müssen von den E-Bussen überzeugt und verschiedene öffentliche Verkehrsträger viel besser aufeinander abgestimmt werden. Und wie schön und ruhig der öffentliche Raum sein könnte, wenn dort kaum Autos fahren, muss in den Köpfen der Bevölkerung ankommen.
Handwerkszeug gegen Widerstände
Immerhin befürworten nach wie vor 80 Prozent der Menschen in Deutschland effektive Klimaschutzmaßnahmen – und daran gilt es anzuknüpfen. Zugleich aber dominieren völlig andere Themen die Schlagzeilen. Ängste vor Krieg und sozialem Abstieg nehmen zu, der gesellschaftliche Zusammenhalt schrumpft, rechte Populisten trumpfen auf. Kein leichtes Umfeld für neue sozial-ökologische Projekte. Deshalb ist es wichtig, clever auf Abwertungen und idiotisches Verhalten reagieren zu können, hat sich das Projekt-Team überlegt und Sebastian Ramnitz eingeladen. Der arbeitet viel mit rechtsradikalen Jugendlichen und schüttet nun das Füllhorn seiner Erfahrungen, Tricks und Tipps aus: Bei Leuten, die noch erreichbar sind, nie mit Sachargumenten starten, sondern erst auf der Beziehungsebene ansetzen, lautet seine wichtigste Botschaft. Sein fulminanter Vortrag lädt die Gruppe trotz fortgeschrittener Stunde mit Energie auf.
Solcherart mit Handwerkszeug gegen Widerstände gerüstet, geht es in der zweiten Wochenhälfte darum, das eigene Handeln vorzubereiten. Schließlich sollen am Ende der Fortbildung alle Teilnehmenden schon etwas Konkretes in ihren Betrieben zum Guten verändert haben – und wissen, wie sie weitermachen können.
Für Andreas Keitel und Ellen Ost beginnt der Morgen mit einem Online-Treffen mit dem Arzt Maurizio Bär, der das Berliner Krankenhaus Havelhöhe umfassend auf Klimaschutz umstellt. Da geht es um Wärme und Energie, Lieferketten und die Küche, Mobilität und Abfall. Wichtig aber ist vor allem, wie es gelingt, dass die etwa 1.000 Kolleg*innen den Prozess selbst mit vorantreiben. Nach dem Treffen ist Andreas fast euphorisch: "Jetzt hab' ich so was wie einen Fahrplan!" Bär hat auch vom Netzwerk KliMeG berichtet, an dem sich schon Beschäftigte aus 500 Krankenhäuser beteiligen. Jetzt gilt es nur noch, gut zu überlegen, wo Ellen und er anfangen sollen.
Auch Patrick Steinbach sprüht vor Tatendrang. "Ich weiß jetzt, was ich machen will", verkündet der 48-Jährige. Am wichtigsten sei, dass die Busfahrer*innen Rückenwind aus der Gesellschaft bekommen und die Politik mit unter Druck setzen, so seine Überlegung. Er will einen Busfahrersitz in einer Fußgängerzone aufstellen, Passanten Platz nehmen lassen und dann mit ihnen ins Gespräch kommen. Bis zum Ende der Woche haben er und seine Kollegen einen umfassenden Plan entwickelt, um die Bevölkerung mit fantasievollen Aktionen anzusprechen. Katrin Dreier-Lippmann will die eigenen Kolleg*innen von Skeptikern zu Unterstützern der E-Mobilität machen.
Und Andreas Keitel und Ellen Ost wissen, wo sich im Uniklinikum überall ansetzen ließe: Gutes Essen für Mensch und Erde, Bewegungsmelder zum Lichtabschalten, Jobräder, einen Preis für das nachhaltigste Team und vieles mehr. Sie wollen Kolleg*innen in vielen Bereichen ansprechen und hoffen, dass erste kleine Erfolge motivierend wirken. Ihr Ziel: Mit engagierten Kolleg*innen eine schlagkräftige Nachhaltigkeits-AG aufbauen.