Ausgabe 05/2026
Bildet Banden!

Vorbemerkung: Bangladesch ist ein zentraler Knotenpunkt der globalen Textilproduktion, doch der wirtschaftliche Erfolg basiert bis heute auf strukturellen Ungleichheiten. Viele Menschen – insbesondere Frauen – sind von der Textilindustrie abhängig und arbeiten unter ausbeuterisch niedrigen Löhnen und begrenzten Rechten. Gewerkschaftliches Engagement ist möglich, ist jedoch häufig mit Druck und Repression verbunden. Das Projekt "Joly – Sponsoring von Organizerinnen" setzt genau dort an, indem es Gewerkschafterinnen in Bangladesch konkret unterstützt und Ressourcen für die Organisierungsarbeit zur Verfügung stellt. Ziel der ver.di-Delegationsreise im April 2026 war es, die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen vor Ort zu vertiefen – ganz im Sinne des Mottos "Bildet Banden!"
20. April, Ankunft in Dhaka: Nach einer durchflogenen Nacht landen wir müde in Bangladesch. Schon an den Gepäckbändern spüren wir, dass Bangladesch mit seiner 170 Millionen-Bevölkerung das am dichtesten bevölkerte Land der Erde ist. Trauben von Menschen warten auf ihre Koffer – und wir mittendrin. Vor dem Flughafen gibt es ein großes Wiedersehen mit Joly Talukder, der Vize-Vorsitzenden der Textilarbeiterinnengewerkschaft, und ihrem Kollegen Moin Monzur, die uns die kommenden Tage begleiten. Zusammen fahren wir durch die wuselige Stadt, um uns herum hunderte Rikschas. Es wird kreuz und quer gefahren, gehupt, gebremst und geschimpft. Im Allgemeinen ist der Ton aber freundlich! Über eine Tiefgarage betreten wir das Büro der Gewerkschaft der Straßen-Arbeiter*innen, die uns mit Parolen in Empfang nehmen.
Sie berichten, dass die Regierung sie mit ihren Ständen aus dem Stadtbild verdrängen will. Davon ernähren sie aber ihre Kinder, so gut es geht. Die Männer und Frauen freuen sich, dass wir da sind und zuhören.
Anschließend treffen wir in der Universität von Dhaka den Sprecher der Studierenden, der uns ein beeindruckendes Mahnmal für die verschiedenen Kämpfe und Aufstände der Studentenbewegung in Bangladesch zeigt. Im Kampf um die Demokratie nehmen die Studierenden bis heute eine bedeutende Rolle ein.
Letzte Station heute: die Gewerkschaft der Lederarbeiter*innen. Auch hier werden wir freudig begrüßt. Wir erfahren viel über die Gewerkschaft, ihre Geschichte, ihre Beweggründe und Kämpfe.
21. April, Srimangal: In Bangladeschs Teeplantagen arbeiten ca. 100.000 Menschen, darunter 90 Prozent Teepflückerinnen. Diese Frauen wollen wir heute treffen. Wir fahren mit dem Zug durch eine schöne Landschaft. Nach über vier Stunden kommen wir in Srimangal an und werden am Bahnsteig von den Gewerkschaftsführern der TWTUC mit Blumen begrüßt. Angekommen an der Plantage öffnet sich die Schranke für uns nicht. Wir dürfen nicht rein, sollen nicht mit den Frauen sprechen. Die Finley Company lässt ihre Teedistrikte von einer englischen Security-Firma abschirmen, damit keine Gewerkschafterinnen das Gelände betreten. Nach vielen Telefonaten ist klar: Von der Plantage kann man uns abhalten, nicht aber davon, die Arbeiterinnen zu Hause zu besuchen. Dort erzählen sie von ihrer Lage. 180 Taka am Tag, das sind 1,50 US-Dollar. Dafür müssen sie 23 Kilo pflücken, für jedes fehlende Kilo werden 7 Taka abgezogen. Kein Trinkwasser, keine medizinische Versorgung, Toiletten nur weit entfernt. Mutterschutz gibt es nur für 2 Kinder. Für nötige Medikamente fehlt Geld. Das Frühstück besteht meist aus einem ungesäuerten, dünnen Fladenbrot und einer Tasse gesalzenem Tee.
Das Land, auf dem ihre Blechhütten stehen, gehört den Plantagenbesitzern. Miete und Strom werden vom Lohn abgezogen, sogar das Feuerholz. Bei Sturm fliegen Dächer weg, bei Hochwasser laufen die Hütten voll. Dann können sie nicht bleiben, sagen die Frauen. Aber auch nirgendwo anders hin. 500 Taka am Tag, 3,40 Euro – das ist ihre Forderung. Vor drei Jahren streikten sie 90 Tage lang, erfolgreich. Jetzt, sagen sie, müssten sich alle organisieren.
22./23. April, Cox Bazar: Früh am Morgen fliegen wir über Dhaka nach Cox's Bazar, berühmt für seinen mit 120 Kilometern längsten ununterbrochenen natürlichen Sandstrand der Welt, ein zentrales Touristenziel mit frischen Meeresfrüchten. Gleich nebenan liegt Kutupalong, das größte Flüchtlingslager der Welt, in dem über 600.000 Rohingya aus Myanmar Zuflucht gefunden haben. In der Fischerei, besonders in der Trockenfischverarbeitung, arbeiten überwiegend Frauen ohne soziale Absicherung, die Bedingungen sind oft unhygienisch.
Wir treffen uns mit der 45-jährigen Fatema, die aus Myanmar stammt und jahrelang in der Fischerei gearbeitet hat. Aus gesundheitlichen Gründen hat sie ihre Tätigkeit in der Fischerei aufgegeben und beim Roten Kreuz angefangen. Sie erzählt uns, dass die Beschäftigten in der Fischindustrie täglich für ihre Arbeit bezahlt werden. Wer nicht arbeitet oder krank ist, bekommt nichts. Manch schwangere Frau geht von der Arbeit direkt ins Krankenhaus, wenn die Wehen einsetzen. 60 Tage im Jahr ruht der Fang, weil die Fische laichen. In dieser Zeit haben sie kein Einkommen, nur etwas Reis und Linsen vom Arbeitgeber.
24. April, Rana Plaza und Gazipur: Der heutige Tag ist der berührendste. Am frühen Morgen fahren wir in das an Dhaka angrenzende Industriegebiet Savar. Vor 13 Jahren stürzte hier das achtgeschossige Fabrikgebäude Rana Plaza ein und begrub unter sich über tausend Menschen, überwiegend Textilarbeiterinnen. Tausende Überlebende warten bis heute vergeblich auf Entschädigung, Rente, auf die Verurteilung der Verantwortlichen. Lediglich der Inhaber des Grundstücks sitzt im Gefängnis.
Wir kommen auf den Platz, an dem früher das Rana Plaza stand und heute ein kleines Denkmal steht. Mütter und Geschwister kommen auf uns zu mit Bildern ihrer Angehörigen in den Händen. Sie umarmen uns und wir weinen gemeinsam. Wir legen ein eigens für uns angefertigtes Blumen-Bukett nieder. "Women From Ver.di Union Germany" steht darauf. Wir dürfen sprechen und versprechen: "Your fight is our fight."
Nachmittags fahren wir nach Gazipur, ein Zentrum der Textilindustrie. Wir treffen im örtlichen Gewerkschaftsbüro aus Wellblech auf kämpferische Frauen. Unser Erfahrungsaustausch findet unter freiem Himmel statt, da nicht genug Platz ist in der Blechhütte. Immer mehr Stühle werden herangetragen. Rikschas fahren hupend durch die Veranstaltung. Die überwiegend weiblichen Organizerinnen berichten von 100 geschlossenen Fabriken seit Juli 2025. Wo noch gearbeitet wird, verbieten die Fabrikbesitzer den Frauen zu trinken, damit sie nicht zur Toilette müssen. Sexistisches Mobbing ist Alltag. Das Durchschnittsalter der Frauen liegt bei 24 Jahren. Höchstens bis 40 Jahre schaffen sie diese Arbeit. Eine Arbeiterin sagt: "Ich bin zu alt und finde keine Arbeit mehr. Soll ich verhungern?" Eine andere bekam Streit mit dem Vorgesetzten, weil sie während der Menstruation 20 Minuten auf der Toilette war. Die Betriebsvereinbarung, die das regelt, halten die Besitzer nicht ein. Der Abend endet mit Fotos und Umarmungen.
26. April, Mymensingh und Haor-Gebiete: 120 Kilometer nördlich von Dhaka: Nach dem Besuch einer ehrenamtlich betriebenen Augenklinik treffen wir Frauen der größten Frauenorganisation des Landes, der Bangladesh Mahila Parishad mit 150.000 Mitgliedern. Wir sprechen über Frauen in der Politik. Von 300 Parlamentsmitgliedern sind nur sieben Frauen. Die Organisation kämpft für ein Gesetz, das mehr Frauen in die Regierung bringt. Das größte soziale Problem ist laut ihnen geschlechtsspezifische Gewalt und der Menschenhandel mit Frauen und Kindern.
Unsere Reise geht hier zu Ende und wir treffen feste Vereinbarungen. Wir wollen künftig den 24. April als Gedenktag für die Textilarbeiterinnen begehen, in Deutschland wie in Bangladesch. Die Kolleginnen bitten uns zu helfen, die wahren Verantwortlichen von Rana Plaza zu finden. Und für uns vier steht fest: Wir kommen wieder.
Nina Brandt, Meral Dogan, Marieke Nill, Heike Strohmeyer
Reise

Solidarisch reisen
In Deutschland kann sich laut Erhebungen des Statistischen Bundesamtes ein Fünftel der Bevölkerung nicht einmal eine Woche Urlaub im Jahr leisten. In der unteren Einkommensgruppe ist es knapp die Hälfte. Das gilt allemal auch für die Arbeiter*innen in Bangladesch, die vier unserer aktiven ver.di-Frauen in diesem Jahr besucht haben. Nicht anders sieht es für die unzähligen Beschäftigten im Tourismus aus, die auf eigene Faust an Stränden oder beliebten Reisezielen alles Mögliche zu verkaufen versuchen. In Kolumbien haben Straßenhändler*innen jetzt eine Gewerkschaft gegründet. Der Fokus unseres Reise-Spezials liegt auf diesen Menschen, für die Urlaub ein Fremdwort ist, mit denen wir uns aber solidarisch zeigen können. Petra Welzel