Ausgabe 05/2026
Arbeiten wo andere Urlaub machen

Noch mal ins Wasser? Oder doch erst ein kleiner Snack? Und wieso liegt die Sonnenbrille eigentlich noch im Hotelzimmer… Solche und ähnliche Luxus-Fragen zeichnen so einen richtig faulen Urlaubstag am Strand aus. Fragen, die an vielen Stränden der Welt keine Gedankenspiele bleiben müssen. Denn, fast wie im Märchen, steht umgehend ein guter Geist mit dem passenden Angebot für jedes Strandbedürfnis bereit. Coveñas, im Norden Kolumbiens gelegen, ist so ein Badeort, an dem "fliegende Händler" mit ihren transportablen Verkaufsflächen – ob nun selbst konstruiert oder high-tech vorgefertigt – das Strand- wie Stadtbild prägen.
Ihre Art zu arbeiten – als Einzelunternehmer*innen ohne geregelte Arbeitszeiten, gesicherte Mindesteinnahmen oder soziale Absicherung – ist seit Jahrzehnten Alltag für den überwiegenden Teil der Menschheit. Ebenso wie Haushaltsdienstleistungen, Kinder- und Altenbetreuung, Fahr- und Lieferdienste gehört der mobile Handel zum "informellen Sektor" in dem weltweit laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) 60 Prozent aller Werktätigen, geschätzte 2 Milliarden Menschen, ihr Geld verdienen. In Kolumbien, wie in ganz Lateinamerika, ist diese Art des Arbeitens besonders verbreitet, ebenso in Asien und in noch höherem Maße in Afrika.
Informelle Märkte sind für Verbraucher Standard
Doch spätestens seit Uber, Lieferando und Helpling, aber auch schon mit den 24-Stunden-Pflegekräften, Ich-AGs und Spargel-Erntehelfer*innen hätte klar gewesen sein können, dass "informelle Beschäftigungsverhältnisse" keine Erfindung des globalen Südens sind. Noch viel weniger sind sie auf den Dienstleistungssektor beschränkt. Laut einer kürzlich veröffentlichten OECD-Studie zu Lateinamerika arbeiten in Landwirtschaft und Industrie weit mehr Menschen "informell" als im Dienstleistungssektor. Nur dort allerdings sind sie sichtbar und für viele Menschen auch eine direkte, oft unverzichtbare Hilfe, den eigenen prekären Alltag – weitab von jedem Strandurlaub – irgendwie zu bewältigen. So musste selbst das OECD-Wettbewerbskomitee bei einer Tagung im Dezember letzten Jahres vorausschicken, dass für eine Mehrheit der weltweiten Verbraucher*innen "informelle Märkte" den ganz normalen Einzelhandels-Standard darstellten.
Entsprechend selbstbewusst treten diese Händler*innen auf: Sie sehen sich selbst als Unternehmer*innen, auch wenn das einziges Produktionsmittel, dass sie tatsächlich besitzen, eine Luftpumpe ist, um Schwimmreifen aufzupumpen, ein Herd, um Kokos-Süßigkeiten zu backen oder ein Kühlschrank für Ceviche, ein traditionelles peruanisches Fischgericht. Immerhin arbeiten sie auf eigene Rechnung und entscheiden, im Rahmen der von anderen bestimmten Gegebenheiten, über die Geschäftszeiten. In Unternehmer-Manier beschweren sie sich auch über staatliche Gängelung – genauer gesagt über Vertreibungen durch die Polizei und andere Ordnungskräfte.
An besonders beliebten Touristenzielen, wo potenziell besonders gute Geschäfte möglich wären, fühlen sich die Urlaubenden auch schnell mal gestört durch zu viele ungebetene Konsumangebote. Wenn deren Klagen über die sozialen Medien ein bestimmtes Level überschreiten, fürchten Hoteliers, Reiseveranstalter und andere "formelle" Akteure des Tourismus ihre Kundschaft zu verlieren. Auch abseits der Strände in den Städten besteht zwischen fliegenden Händler*innen und Geschäftsinhabenden ein klares Machtgefälle.
Frauen trotzen existenzbedrohender Ohnmacht
An der ewigen Angst verscheucht zu werden, dieser existenzbedrohenden Ohnmacht, lässt sich nur gemeinsam etwas ändern. Das haben Kleinstunternehmerinnen und andere informell beschäftigte Frauen in Indien schon 1972 erkannt und sich zusammengeschlossen zum "Verband selbstständiger Frauen" (Self-Employed Women's Association, SEWA) – anfänglich auch gegen den erbitterten Widerstand der etablierten Gewerkschaften und des Arbeitsministeriums. Mittlerweile sind fast vier Millionen Frauen bei SEWA organisiert. Neben einem Mindestmaß an Sicherheit im öffentlichen Raum geht es der Organisation vor allem um finanzielle Absicherung bei Krankheit und in persönlichen wie gesamtgesellschaftlichen Krisensituationen.
Die fordert SEWA mittlerweile nicht mehr beim Staat ein, sondern bietet sie ihren Mitgliedern als Service der Organisation selbst an.
Ähnliche Ziele, wenn auch auf anderen Wegen, verfolgt der "Ghana Trade Union Congress", eine der beiden großen Gewerkschaften des afrikanischen Landes, die sich seit 1996 offensiv um informell Beschäftigte bemüht. Auf internationaler Ebene setzt sich das 2002 im südafrikanischen Durban ins Leben gerufene länderübergreifende Netzwerk "StreetNet" für die Rechte von Straßenhändler*innen ein. Seit 2004 wird das Netzwerk auch von der ILO als Gewerkschaft anerkannt.
Erste anerkannte Gewerkschaft der Straßenhändler

Für Quintero Pérez, Nuris Esther Banquela Deus und die anderen Händler*innen am Strand von Coveñas könnte es ebenfalls schon bald die Möglichkeit geben, sich in einer offiziellen Gewerkschaft gemeinsam für ihre Interessen einzusetzen: Am 9. September vermeldete die Webseite "Voces por la Trabajo" (Stimmen für die Arbeit) die Gründung des ersten Ortsverband der "Nationalen Gewerkschaft der Arbeitnehmer*innen im wirtschaftlichen Widerstand" (Unión Nacional de Trabajadores y Trabajadoras en Resistencia Económica/UNTRE) in der kolumbianischen Provinz Medellin. Ursprung dieser, inzwischen auch vom Arbeitsministerium anerkannten Gewerkschaft war der zu Corona-Zeiten aus einer WhatsApp-Gruppe hervorgegangene Zusammenschluss "Straßenfamilie" (Familie de la Calle).
In den kommenden Monaten sollen in weiteren Regionen Kolumbiens Gründungsversammlungen der zur Gewerkschaft gewachsenen Familie stattfinden. Dann, so zitiert "Voces por la Trabajo" einen der Mitbegründer, Lubín Torres, werde man Zugang zu Tarifverhandlungen und zum legitimen Streikrecht erhalten: "Die Verwaltung wird verpflichtet sein, mit uns zu verhandeln, und das ist durch die Verfassung und internationale Normen der ILO geschützt. Wir werden nicht mehr vom Willen der Regierungen abhängig sein, sondern diese werden verpflichtet sein, uns anzuhören und Vereinbarungen zu treffen."


