Protest der Pfleger/innen auch im Interesse von Pflegebedürftigen

Unsere Gesellschaft wird zusehends älter. Immer mehr Menschen sind auf Pflege im Alter angewiesen. Ende 2005 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland 2,13 Millionen Menschen als pflegebedürftig eingestuft. Hochrechnungen für 2020 gehen von mehr als 2,8 Millionen Pflegebedürftigen aus. In Hamburg kümmern sich nach Recherchen des Hamburger Abendblatts derzeit etwa 4 300 Pflegefachkräfte im stationären und 4 700 im ambulanten Bereich um mehr als 30 000 Patienten.

Klar ist: Nur eine gute Pflege lässt den Alten ihre Würde. Doch die Realität sieht oft schockierend anders aus. Schlagzeilen über den "Pflegenotstand" beherrschen die öffentliche Debatte: Notversorgung mit zu wenig und chronisch überfordertem Personal; wund gelegene und mit Medikamenten ruhig gestellte Pflegepatienten in den Heimen; Pflege im Sekundentakt, bei der die zwischenmenschliche Zuwendung verschüttet wird. "Hauptsache satt und trocken", fasst ein Beschäftigter die unhaltbaren Zustände bitter zusammen.

Für eine menschenwürdige Pflege, deren herausragende Bedeutung für die Gesellschaft endlich anerkannt wird, und für bessere Arbeitsbedingungen gingen am 12. September 200 Beschäftigte aus der Altenpflege auf die Straße. Denn die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten sind zugleich die Lebensbedingungen der ihnen anvertrauten Pflegebedürftigen. Die Altenpfleger/ innen verlangten auf ihrer Kundgebung am Mönckebrunnen:

Mehr Personal Die Arbeit in der Altenpflege ist so belastend, dass sie auf Dauer krank macht. Darum muss mehr Personal eingesetzt und das Geld dafür zur Verfügung gestellt werden. Nur mit mehr und gut qualifiziertem Personal ist eine den Alten zugewandte menschenwürdige Pflege möglich.

Mehr Geld Die gesellschaftliche Wertschätzung einer Arbeit drückt sich auch in ihrer Bezahlung aus. Pflegearbeit muss besser bezahlt werden. Ein durchschnittlicher Verdienst von 1 500 Euro brutto ist eine Zumutung; dass bestenfalls 20 Prozent der Beschäftigten nach Tarifvertrag arbeiten, ist ein Skandal. Ohne die Aufwertung der Pflege(tätigkeit) bei angemessener Bezahlung ändert sich nichts. Nur dann können die fehlenden 450 Stellen in Hamburg besetzt werden.

Bessere Ausbildung Die Altenpflegeschulen brauchen in allen Bundesländern eine ausreichende Landesfinanzierung. Für die praktische Ausbildung fordert ver.di ein Umlageverfahren. Wer nicht ausbildet, muss zahlen! Wer ausbildet, bekommt Geld aus dem Umlagentopf. Das von den Auszubildenden verlangte Schulgeld gehört abgeschafft. Nur dann kommt auch der dringend benötigte Nachwuchs!

Mehr Informationen unter https://gesundheit-soziales-hamburg.verdi.de/pflegeeinrichtungen


Stimmen von Teilnehmer/innen:

Laura Schießer (27), examinierte Altenpflegerin bei pflegen & wohnen:

"Ich bin hier, weil die Arbeitsbedingungen in der Pflege nicht länger haltbar sind. Einerseits herrscht extremer Personalmangel, andererseits gibt es kaum noch junge Menschen, die den schweren, aber wertvollen Beruf lernen wollen. Wegen der niedrigen Bezahlung und der Arbeit rund um die Uhr im Drei-Schicht-Betrieb passt die Tätigkeit auch schlecht mit einem geregelten Familienleben zusammen."


Jutta Tomasuniewitsch (57), Pflegehelferin bei pflegen & wohnen:

"Ich bin auf die Straße gegangen, weil ich endlich die Zeit haben will, die alten Menschen so zu versorgen, wie sie es nach einem langen Leben verdient haben. Die Pflege im Zeittakt und nach Punkten muss ein Ende haben! Ohne die Chance, auch menschliche Zuwendung zu geben, kann ich nicht pflegen."


Silke Kaempfert (63) Pflegeassistentin bei pflegen & wohnen:

"Ich protestiere, weil ich unsere Arbeitsbedingungen nur noch erschreckend finde. Das ist keine menschenwürdige Pflege, sondern Abzocke der alten Menschen durch die Pflegeeinrichtungen. Nach meinem Gefühl hat sich die Situation seit Einführung der Pflegeversicherung extrem verschlechtert. Das Geld für die Pflege ist wohl da, kommt aber im Pflegealltag nicht an!"


Thomas Böttcher (55), Assistent in der Schulbesuchsüberwachung, ehemaliger Altenpfleger:

"Ich bin hier am Mönckebrunnen, weil ich meine ehemaligen Kollegen/innen unterstützen möchte. Ich bin zwar nach 23 Jahren wegen der unhaltbaren Zustände in der Pflege aus dem Beruf ausgestiegen, kann aber durch meine Sicht von außen jetzt noch besser beurteilen, wie schwer der Job unter den unzumutbaren Bedingungen ist."