Damit hat niemand gerechnet: Frauen und Männer im Rentenalter besetzen ihren Seniorentreff, den sich das zuständige Bezirksamt sparen will und vor Monaten geschlossen hat

Wutrentner sind angesagt: Seit 100 Tagen halten sie ihren Seniorentreff in Berlin-Pankow besetzt.

Hausbesetzung, der 96. Tag. Die Heizung in der Stillen Straße 10 in Berlin-Pankow ist für die Besetzer/innen erst seit einer Woche zu nutzen. 500 Euro mussten sie dafür sofort auf den Tisch legen, mit einer Sammlung haben sie das geschafft. Nach mehr als drei Monaten haben sie eine Art Schichtsystem im Besetzeralltag organisiert: Jede/r schläft regelmäßig ein, zwei Nächte zu Hause, im eigenen Bett statt auf der Klappliege im Seniorentreff. Doch auch im Schichtsystem wird die Zeit als Besetzer manchmal ermüdend und zehrt an den Nerven.

Dass sich der Konflikt so lange hinziehen könnte, hatte Ende Juni niemand gedacht. Damals wollten sie anwesend sein, falls ein Techniker im Auftrag des Bezirksamts kommen und versuchen würde, die Schlösser auszutauschen und sie auszusperren. In ein paar Tagen wäre die Sache ausgestanden, glaubte auch Doris Syrbe, 72: "Ich bin für zwei Tage hergekommen, jetzt sind es mehr als drei Monate." Alle rechneten mit der schnellen Einsicht des Amtes. Berlin ist arm, ja, aber ausgerechnet einen Seniorentreff würde man doch nicht wegsparen. Irrtum, die zuständige Verwaltung für Soziales schloss das Haus Ende Juni, aus Geldnot, hieß es. Das Bezirksamt betrachtet die Seniorenbegegnungsstätte seitdem als geschlossen, obwohl das Haus offensteht und weiter ehrenamtlich gearbeitet wird. Die Alten sind immer noch da. Der 100. Tag der Besetzung steht bevor.

Mehr Wutrentner

Am 6. Oktober ist es voll im Haus. Unterstützer vom benachbarten Jugendklub, Nachbarn und Freunde sind gekommen, Politiker, Journalisten und Kamerateams aus anderen Ländern. Wie schon so oft. Diese Hausbesetzung von Leuten zwischen 67 und 96 ist ein Thema, mittlerweile international. Und vielerorts werden auch die Wutrentner mehr, sie wollen nicht einfach über sich bestimmen lassen. In Spanien gehen sie auf die Straße gegen die extremen Sparmaßnahmen der Regierung und für die Zukunft ihrer Enkel, in den USA kämpfen radikale Ladys für den Atomausstieg. Dagegen mag eine Begegnungsstätte klein erscheinen. Ein Haus aus den 30er Jahren, in dem rund 300 Senior/innen Sprachen lernen, tanzen, Skat oder Bridge spielen, über Politik und Bücher diskutieren. In dem sie sich treffen, die Isolation durchbrechen, ihre Lebenszeit genießen. So, wie sie es wollen, und an dem Ort, an dem sie es wollen.

Genau das ist der Knackpunkt: der Ort. Rundum steigen die Miet- und Bodenpreise. In der Stillen Straße steht längst eine Reihe klotziger Villen, Kameras überwachen teures Eigentum. Da drängt sich der Verdacht auf, Berlin wolle Haus und Grundstück verkaufen. Das Bezirksamt hat den Senioren wenige andere Räume angeboten - vereinzelte Notlösungen, für eine Interessengruppe hier, für eine andere dort. "Aber wir wollen zusammenbleiben", sagt Doris Syrbe. "Seit den 90er Jahren treffen wir uns hier. Damals haben viele von uns ihre Arbeit verloren. Die Gemeinsamkeit hilft uns. Wir brauchen einen gemeinsamen Ort." Als der junge Vertreter der Piratenpartei in der Pankower Bezirksverordnetenversammlung den Alten gönnerhaft rät, statt ihres Treffs in der Stillen Straße Selbsthilfegruppen in Privaträumen zu gründen, ballte Peter Klotsche denn auch wütend die Fäuste. "Hat der schon mal von Selbstbestimmung gehört?", murmelte er. "Die steht auch uns zu!"

Geld oder Leben

Der 71-Jährige war Schlosser, jetzt verdient er sich zur Rente etwas dazu, in einem 400-Euro-Job als Ticketkontrolleur in Stadtrundfahrtbussen für Touristen. Zwei Tage in der Woche, je sieben Stunden. "Dafür muss man gut zu Fuß sein", sagt er. "Es geht in den Doppeldeckern ja immer die steile Stiege hoch und runter." Sein Dasein als Hausbesetzer organisiert er sich rund um die Arbeitstage. Was ganz gut ist, denn einerseits "sagen wir schon, wir müssen nach Hause, wenn wir wieder in die Stille Straße gehen", erzählt seine Frau Brigitte. Andererseits macht sich nach so langer Zeit manchmal Erschöpfung breit. "Aber geklagt wird nicht, aufgegeben schon gar nicht", sagt Doris Syrbe. "Meine Tochter hat festgestellt, dass ich als Besetzerin ganz schön abgenommen habe. Schadet mir aber nicht!" Sie lacht. "Außerdem kochen wir in unserer Wohnküche." Manchmal bringen auch Sympathisanten Leckeres mit. Die größte Überraschung waren zwei 17-jährige Jungs aus Neukölln, die mit einem selbstgebackenen Kuchen vor der Tür standen. Darauf stand in Zuckerschrift: Wir bleiben alle!

Die Frage ist: Wie lange noch? Nach Debatten hat die ursprünglich zuständige Bezirksverwaltung für Soziales die Verantwortung für den Seniorentreff an die Finanzverwaltung abgegeben. Die Bezirksverordnetenversammlung hat beschlossen, dass mögliche neue Träger für den Seniorentreff gerade mal 14 Tage Zeit haben sollten, mit Konzept und Finanzierungsplan ihr Interesse an der Einrichtung zu bekunden. Hinzu kam die Erklärung, es gebe einen Investitionsbedarf von zwei Millionen, dabei gehe es um dringende Dinge wie den Feuerschutz. Ohne den und andere Baumaßnahmen sei das Haus offiziell nicht zu betreiben. Fragt sich, wie das Bezirksamt die Stille Straße 14 Jahre ohne Feuerschutz offenhalten konnte.

Die Volkssolidarität ließ sich nicht abschrecken. Sie würde das Haus übernehmen, es weiter betreiben. Nur an den Betriebskosten müsste sich der Bezirk Pankow bis zur Übernahme durch den neuen Träger beteiligen. Der Finanzausschuss hat die Unterlagen für nicht ausreichend erklärt und eine neue Frist gesetzt, den 18. Oktober 2012. "Sie haben uns kalt abgeschmettert auf der Versammlung", sagen die Besetzer/innen.

Das ist der Stand vor dem 100. Tag. Die Besetzer wollen ihren Ort der Begegnung nicht aufgeben. Zugleich wollen sie ein Zeichen setzen, für soziale und kulturelle Einrichtungen für Jung und Alt und ein Land, "in dem der Mensch nicht zum Kostenfaktor verkommt". Mehr als 13 000 Unterschriften sind dafür bisher zusammengekommen.

Nachtrag

Sieg der Protestrentner/innen

Nach 111 Tagen konnten die Senior/innen in Berlin-Pankow die Besetzung ihrer Begegnungsstätte am 20. Oktober beenden und als Gewinner/innen nach Hause zurückkehren. Einsatz und Durchhalten haben sich gelohnt: Ihr Treffpunkt in der Stillen Straße bleibt ihnen erhalten.

Zuvor war die Bezirksverordnetenversammlung von ihrem Vorhaben abgerückt, das überraschend geschlossene Haus nicht wieder zu öffnen, um Geld zu sparen. Auch vom Verkauf der Immobilie ist nicht mehr die Rede. Beschlossen wurde stattdessen, dass die Volkssolidarität den Rentnertreff übernehmen wird, zunächst mit einem Mietvertrag für ein Jahr und danach mit einem Erbbaupachtvertrag. Der Sozialverband hatte als einziger sein Interesse bekundet, das Haus zu übernehmen. Er will es als Mehrgenerationenhaus weiterführen. Am letzten strahlend sonnigen Oktoberwochenende feierten viele Unterstützer/innen mit den Seniorinnen und Senioren.

Solidarität für die Hausbesetzer/innen

Um Spenden wird gebeten, damit der ehrenamtliche Betrieb der Begegnungsstätte aufrechterhalten werden kann. Die Senior/innen brauchen zurzeit unter anderem 500 Euro Heizkosten pro Monat.

Konto: 46422200, Commerzbank Berlin, BLZ: 120 400 00, Kontoinhaberin: Doris Syrbe Verwendungszweck: "Stille Straße 10"

http://stillestrasse10bleibt.blogspot.eu/

http://www.pankowsolidaritaet.wordpress.com/erklaerung/stille-strasse