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Ein schicker, teurer Newsroom scheint auch nicht die Lösung zu seinartin Lengemann/Ullsteinbild

Springer baut um. Nach dem Einstieg des Finanzinvestors KKR wird der Wandel zum digitalen Konzern vorangetrieben. Neben einem ehrgeizigen Investitionsprogramm von 100 Millionen Euro sind auch Einsparungen von bis zu 50 Millionen Euro anvisiert. Selbst bisherige "heilige Kühe" wie die Zeitungen Bild und Welt sind nicht länger tabu. Und allmählich sickert durch, was das für die Beschäftigten bedeutet.

Harter Sparkurs

Schon Mitte September hatte Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner in der Süddeutschen Zeitung mit der Ankündigung eines "harten Sparkurses" für einige Unruhe in der Belegschaft gesorgt. "Wo strukturell Umsatzrückgang herrscht, müssen wir restrukturieren und Arbeitsplätze abbauen", so die Ansage Döpfners. Gemeint ist vor allem der Unternehmensbereich News Media. Darin sind unter anderem die Welt- und Bild-Gruppe sowie diverse digitale Medienangebote in Europa und in den USA zusammengefasst. Das Umsatzminus bei deutschen Aktivitäten fiel mit acht Prozent überproportional stark aus.

Ursache ist vor allem der rasante Rückgang der Werbe- und Vertriebserlöse bei Welt und Bild, den einzigen verbliebenen publizistischen Flaggschiffen Springers. Beide Blätter verlieren alljährlich zehn Prozent ihrer Auflage. Die Bild fiel zuletzt unter die Marke von 1,5 Millionen verkauften Exemplaren. Die Welt, inklusive Welt Kompakt, dümpelte im dritten Quartal 2019 bei knapp 118.000 Exemplaren. Tendenz: weiter fallend.

Die geplanten Einsparungen treffen daher vor allem die Newsmarken Welt und Bild. Und das geplante Sparpaket hat es in sich. Eingestellt werden die werktägliche Welt Kompakt und die Welt Hamburg. Das Wirtschaftsmagazin Bilanz geht in der Welt auf, wird also faktisch ebenfalls liquidiert. Die Redaktionen von Bild und Bild am Sonntag werden fusioniert. Die Berliner Boulevardzeitung BZ konzentriert sich auf regionale Inhalte, die sie künftig auch für den Berlin-Teil der Bild liefert. Umgekehrt versorgt Bild die BZ mit überregionalen Themen. Die Sportredaktionen von Welt, Bild und Sport Bild fusionieren in einem "markenübergreifenden Kompetenzzentrum".

Auch Auto Bild und Computer Bild werden personell ausgedünnt. Nach Medienberichten soll von den aktuell 60 Stellen bei Computer Bild jede fünfte gestrichen werden. Bei Auto Bild könnte der Aderlass mit bis zu 40 von derzeit 160 Stellen noch größer ausfallen. Klingt nicht gerade nach einer Strategie, wonach der Sparkurs "eher bei den Häuptlingen als bei den Indianern", so Döpfner, ansetze.

Den Personalabbau will Springer nach Möglichkeit durch Fluktuation, Vorruhestandsregelungen und ein "Freiwilligenprogramm mit finanziellen Anreizen und Qualifizierungsmöglichkeiten" für die betroffenen Mitarbeiter*innen erreichen. Nach Auskunft von Teilnehmern einer Betriebsversammlung bei der Welt Hamburg am 29. Oktober sind entsprechende Verhandlungen soeben angelaufen. Betriebsbedingte Kündigungen sollen möglichst vermieden werden. Immerhin, so bemüht sich der Verlag um Klarstellung: Bild, BZ, Bild am Sonntag sowie Welt und Welt am Sonntag "sollen auch als gedruckte Zeitungen weiter bestehen". Vorläufig zumindest.

Die Auswirkungen dieses Sparkurses auf die publizistischen Leistungen sind voraussehbar: weniger Vielfalt, mehr Einheitsbrei. Ob die Welt diese Rosskur überlebt, erscheint zweifelhaft. Aber auch um die Zukunft der Bild-Gruppe sieht es nicht eben rosig aus. Für das in der ersten Jahreshälfte getestete Magazin Bild Politik wurde bereits das Aus verkündet. Ende 2018 scheiterte mit Fußball Bild der ehrgeizige Versuch, eine reine Sport-Tageszeitung zu etablieren.

Pläne für TV-Kanal

Stattdessen soll nun Bild mit einem Investitionsaufwand von 20 Millionen Euro zur "attraktivsten Live-Plattform für News, Entertainment und Sport" aufgebaut werden. Dazu passt der Einstieg des Investors KKR, der seit 2017 aus diversen Beteiligungen einen integrierten Medienkonzern aufbaut. Mit Unterstützung von KKR könnte der alte Traum des Konzerngründers Axel Cäsar Springer vom Verlegerfernsehen Wirklichkeit werden. Tina Groll, Bundesvorsitzende der dju in ver.di, vermutet andere Motive: "Es geht um die Rendite, nicht die journalistischen Inhalte."

In der Medienbranche werden die Pläne für einen starken TV-Kanal als Kampfansage an den führenden Boulevardsender RTL gewertet. Bild-Chefredakteur Julian Reichelt selbst hat ein anderes Feindbild auserkoren: ARD und ZDF. Dem Spiegel verriet er kürzlich: "Wir wollen das Land, die Welt, die Politik und den Alltag der Menschen so zeigen, wie es die Leute erleben, und nicht so steril und weichgespült wie teilweise bei den Öffentlich-Rechtlichen."