Ausgabe 08/2008-09
Privatschulen sind für Mittelschichteltern attraktiv
Laufend eröffnen in Deutschland neue Privatschulen. Das spiegelt den Wandel der Gesellschaft, meint die Bildungsexpertin Susanne Schwalgin
SUSANNE SCHWALGIN arbeitet am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig zum Thema Schule in der Einwanderungsgesellschaft
ver.di publik | Viele Eltern aus der Mittelschicht versuchen zu verhindern, dass ihre Kinder in Klassen mit vielen Migrantenkindern landen. Ist das nicht verständlich?
Susanne Schwalgin | Aus der individuellen Per- spektive der Eltern schon. Sie wollen das Beste für ihr Kind und orientieren sich dabei an der weitverbreiteten Meinung: Schulen in Stadtvierteln, die einen hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund haben, gelten prinzipiell als problematisch. Ob das tatsächlich stimmt, ist eine andere Frage. Eltern sollten genau hinschauen: Viele so genannte Problemschulen haben - oft aus eigener Kraft - innovative Wege gefunden.
ver.di publik | Privatschulen haben deutlichen Zulauf. Treiben sie die Spaltung der Gesellschaft voran?
Schwalgin | Sicher stimmt es, dass Privatschulen für Eltern aus der Mittel- und Oberschicht attraktiv sind. Das lässt sich auch klar an den Schultypen ablesen: Nicht ohne Grund ist das Gymnasium - wo Kinder aus der Mittelschicht prinzipiell überwiegen - der Schultyp, der am meisten privat geführt wird. Ich glaube aber nicht, dass die Privatschulen an sich eine gesellschaftliche Spaltung vorantreiben. Der zentrale soziale Graben verläuft nicht zwischen Privat- und Staatsschule, sondern zwischen Hauptschule und Gymnasium.
Der Boom der Privatschulen ist ein Spiegel einer komplexen gesellschaftlichen Veränderung. Die demographische Entwicklung spielt dabei ebenso eine Rolle wie die zunehmende Bedeutung des Marktes im Bildungswesen. Auch staatliche Schulen müssen sich ja immer mehr um private Spendengelder kümmern, weil sie unter finanziellen Druck geraten und im Konkurrenzkampf um sinkende Schülerzahlen bestehen müssen.
ver.di publik | Werden Kinder auf Privatschulen besser gefördert?
Schwalgin | Das muss nicht unbedingt der Fall sein und ist auch nicht immer der alleinige Grund für die Wahl der Eltern. Ein starker Anreiz ist, dass Privatschulen sehr häufig ein Bildungsangebot mit Ganztagsförderung haben. Das ist bei staatlichen Schulen zwar mittlerweile auch immer häufiger der Fall, aber in der Umsetzung oft nicht zufriedenstellend für die Eltern.
Der Bildungsforscher Manfred Weiß vom Deutschen Institut für internationale pädagogische Forschung hat in der Pisa-Studie die Ergebnisse der staatlichen und privaten Schule verglichen und sie ins Verhältnis zu Herkunft und Sozialstatus gesetzt. Das Ergebnis: Privatschulen schneiden bei den messbaren Leistungen nicht besser ab. Bessere "Zensuren" bekommen sie aber für das Schulklima und die individuelle Zufriedenheit der Kinder.
ver.di publik | Sind Privatschulen nicht schon deshalb elitär, weil sie Geld kosten?
Schwalgin | Die meisten Privatschulen in Deutschland haben nach wie vor einen konfessionellen Hintergrund, und hier muss meist kein oder nur moderates Schulgeld gezahlt werden. Es gibt auch Privatschulen mit spezifisch sozialem Auftrag wie die Arche-Grundschule in Berlin-Hellersdorf. Sie tritt explizit mit dem Ziel an, Kinder aus benachteiligten Familien zu fördern; das Schulgeld richtet sich nach dem Einkommen der Eltern. Ansonsten aber kosten Privatschulen natürlich.
Als so genannte Ersatzschulen bekommen sie vom Staat zwei Drittel der Förderung, die staatliche Schulen pro Schüler erhalten; der Rest wird durch Schulgeld abgedeckt. Bei der Privatschule Phorms, die als Aktiengesellschaft in ganz Deutschland aktiv werden will, sind das monatlich zwischen 220 und 800 Euro, je nach Einkommen der Eltern. Nicht vergessen darf man allerdings, dass ja auch ein Hortplatz für den Nachmittag nicht billig ist, ganz zu schweigen von anderen nachmittäglichen Angeboten für Kinder. Wenn eine Privatschule dies auch noch abdeckt, kann das in der individuellen Kostenrechnung von Eltern eher günstig erscheinen. Fakt ist aber auch, dass Eltern mit geringem Einkommen diese Überlegungen sicher nicht anstellen können.
ver.di PUBLIK | Haben staatliche Schulen genügend Gestaltungsspielräume für eigene Konzepte?
Schwalgin | Theoretisch schon - und viele nutzen sie auch. Schulen sollen mit Schülern, Lehrern, Eltern und Sozialarbeitern Schwerpunkte konzipieren. Die Rektoren sollen dazu passende Lehrer selbst aussuchen können, zumindest theoretisch. Darin steckt ein ungeheures Potenzial. De facto wird dies aber zumindest in Berlin kaum umgesetzt, nicht zuletzt wegen der desolaten Finanzlage.
Interview: Edith Kresta
In Deutschland gab es im Schuljahr 2006/07 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2867 allgemein bildende Privatschulen. Etwa sieben Prozent der Kinder gehen dorthin; in Bayern liegt die Quote bereits bei 10,2 Prozent. Zwar hat die Zahl der Privatschüler in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Doch im Vergleich zu Frankreich, wo mehr als jedes fünfte Kind außerhalb des staatlichen Schulsystems unterrichtet wird, und den Niederlanden mit einer Quote von sogar 76,3 Prozent, ist die Zahl der Privatschüler in Deutschland gering.