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Vor allem auf der sogenannten letzten Meile läuft der Arbeitsschutz bei Amazon aus dem RuderFoto: Steffen/picture alliance/dpa

Mit Warnblinker halten die Amazon-Kurierfahrer meist kurz in zweiter Reihe, hetzen über die Straße, hasten mit ihren Paketen die Stockwerke hoch – und weiter geht's. Treppe rauf, Treppe runter, immer in Eile. "Feierabend haben sie erst, wenn sie alle Pakete ausgeliefert haben", sagt Mousa Othman von der Fachstelle Faire Integration, die Menschen aus Drittstaaten und darunter auch Amazon-Fahrer über ihre Rechte aufklärt.

"In der Regel arbeiten sie zehn, elf Stunden am Tag, oft bis spät am Abend, ohne Pause."
Mousa Othman, Fachstelle Faire Integration

"In der Regel arbeiten sie zehn, elf Stunden am Tag, oft bis spät am Abend, ohne Pause." Viele seien körperlich und psychisch total am Ende. Die Fahrer*innen sind nicht bei Amazon angestellt, sondern bei Subunternehmen. Ohne Tarifvertrag, ohne Betriebsrat. Das Arbeitsschutzgesetz gilt aber auch für sie. Doch das Beispiel zeigt: Wo keine Betriebsräte darüber wachen, dass die Vorschriften eingehalten werden, bestehen die Schutzrechte oft nur auf dem Papier. "Generell lässt sich feststellen, dass es in fast allen Branchen am Arbeits- und Gesundheitsschutz hapert", sagt Katrin Willnecker, bei ver.di für Arbeits- und Gesundheitsschutz zuständig, "in der Logistikbranche ganz besonders."

Nur die Hälfte aller Betriebe prüft

Per Gesetz müssen Arbeitgeber dafür Sorge tragen, dass ihre Beschäftigten sicher und gesund arbeiten. Vorgeschrieben ist, dass alle Betriebe regelmäßig jede Tätigkeit am Arbeitsplatz unter die Lupe nehmen. "Werden genaue Gefährdungsbeurteilungen durchgeführt und daraus Maßnahmen abgeleitet, lässt sich sehr viel für den Schutz der Beschäftigten tun", betont Katrin Willnecker. Doch nur 50 Prozent aller Betriebe führten überhaupt eine Gefährdungsbeurteilung durch. Und nur 10 bis 15 Prozent nehmen – wie vorgeschrieben – auch die psychischen Belastungen in den Blick. Und über die Qualität sei dabei noch nichts gesagt.

Natürlich gebe es Unternehmen, die großen Wert auf Gesundheitsschutz legten, stellt die Gewerkschafterin klar. Aber insgesamt werde viel zu wenig überprüft, ob die Arbeitgeber*innen die Vorgaben einhalten. "Wir brauchen mehr Kontrollen." Aktuell besichtigten die Aufsichtsbehörden der Länder pro Jahr nur 2 Prozent aller Betriebe. Das Arbeitsschutzkontrollgesetz schreibt vor, dass die Quote ab 2016 auf 5 Prozent steigt.

Betriebs- und Personalräte spielen da eine wichtige Rolle: "Wenn sie ihre Mitbestimmungsrechte wahrnehmen, können sie enorm viel für den Arbeits- und Gesundheitsschutz bewirken", sagt Katrin Willnecker. Eine aktuelle Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass der Gesundheitsschutz in mitbestimmten Betrieben spürbare Fortschritte macht. In der Befragung gaben fast 92 Prozent der Beschäftigtenvertretungen an, dass in ihren Betrieben regelmäßig Gefährdungsbeurteilungen durchgeführt werden. Auch betriebliche Gesundheitsförderung steht bei der großen Mehrheit auf der Agenda.

Freiwillig kümmert sich Amazon um nichts

In Deutschland gibt es 130 Amazon-Standorte, in einigen davon ist es mit Hilfe von ver.di gelungen, eine Interessenvertretung aufzubauen. "Wo wir Betriebsräte haben, wissen wir, dass Gefährdungsbeurteilungen durchgeführt werden", sagt Stefan Thyroke, Leiter der ver.di-Fachgruppe Spedition und Logistik. "In allen anderen Standorten gibt es darauf keine Hinweise." Freiwillig kümmere sich Amazon jedenfalls nicht darum, dass es den Beschäftigten gut gehe.

"Wir brauchen mehr Kontrollen."
Katrin Willnecker, ver.di

Was Betriebsräte mit Unterstützung der Gewerkschaft bewirken können, zeigt das Beispiel des Amazon-Logistikzentrums in Bad Hersfeld. "Wir sind seit vielen Jahren beim Gesundheitsschutz sehr hinterher", sagt Betriebsrat Andreas Gangl. "Dadurch hat sich einiges getan." So sei früher im Sommer die Hitze in der Halle so stark gewesen, dass regelmäßig Lagerarbeiter umkippten. Fast täglich sei der Rettungswagen angerückt. "Inzwischen sind die Hallen klimatisiert."

Zudem wurden die täglichen Feedback-Gespräche abgeschafft. Früher sei es üblich gewesen, dass mindestens einmal pro Tag der Vorgesetzte die Arbeitsleitung bewertete. "Das hat für enormen Stress gesorgt", sagt Andreas Gangl. Zusammen mit dem Betriebsrat starteten die ver.di-Vertrauensleute eine Kampagne, ihr Motto: "Wir geben immer 100 Prozent, wir brauchen kein Feedback." Mit Erfolg.

Der Betriebsrat in Bad Hersfeld ist bei allen Gefährdungsbeurteilungen dabei – und wacht darüber, dass alles korrekt durchgeführt wird. "Inzwischen läuft das schon von selbst, nur ab und zu müssen wir nachhaken." Kürzlich stellte der Betriebsrat bei einer neuen Arbeitsstation fest, dass sich die Kollegen fürs untere Sortierfach zu stark bücken müssen. "Dadurch wird der Rücken sehr belastet." Dieses Fach darf deshalb nicht benutzt werden.

Anderes Beispiel: An einem Standort packen die Lagerarbeiter den ganzen Tag schwere Kartons mit Wein- und Bierflaschen. "Das ist sehr anstrengend", erklärt Andreas Gangl. Deshalb mache sich der Betriebsrat aktuell dafür stark, dass diese schwere Tätigkeit als "Heavy Job" eingestuft und damit auf maximal zweieinhalb Stunden pro Schicht begrenzt wird.

Not der Fahrer wird ausgenutzt

Anders sieht es auf der sogenannten letzen Meile aus: Bei den Amazon-Paketzusteller*innen kontrolliert niemand, wie viele schwere Kartons sie schleppen – und wie lange sie dafür brauchen. Der Online-Versandhändler hat die Auslieferung komplett an Subunternehmen ausgelagert. Auch für die Fahrer*innen gilt per Gesetz, dass sie höchstens acht Stunden pro Tag arbeiten, regelmäßig Pause machen, Anspruch auf Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall haben. Doch die Realität sieht oft anders aus: "Die Not der Fahrer wird ausgenutzt", sagt Mousa Othman von der Fachstelle Faire Integration.

Die Mehrheit stammt aus Syrien, Irak, Rumänien, Iran, Bulgarien oder Afghanistan. Viele sind geflüchtet, sprechen kaum Deutsch. "Sie haben Familien zu ernähren." Deshalb kämen sie sogar krank zur Arbeit. Zu groß sei ihre Sorge, dass ihr Vertrag nicht verlängert wird oder sie gekündigt werden. Als ein Vater aus Syrien trotz schwerer Verletzungen gedrängt wurde, weiterzuarbeiten, überlegte er, mit Hilfe der Fachstelle Faire Integration seine Rechte einzuklagen. Letztlich winkte er ab. "Er habe Kinder, zu viele Rechnungen zu bezahlen, sagte er", so der Berater. "Er konnte es sich nicht leisten."

Die Ausbeutung der Amazon-Fahrer sei vergleichbar mit der vieler Lastwagenfahrer, meint Mousa Othman. Der wochenlange Protest von osteuropäischen Truckern auf der Raststätte in Gräfenhausen hat ein Schlaglicht auf die katastrophalen Arbeitsbedingungen geworfen. Das neue Lieferkettensorgfaltsgesetz nimmt Unternehmen in Deutschland seit diesem Jahr eigentlich in die Pflicht, dafür Sorge zu tragen, dass die Menschenrechte entlang der Lieferkette eingehalten werden. Da muss der Staat offensichtlich die Kontrollen verschärfen.

Und auch in der Paketbranche ist die Politik gefordert. "Wir fordern, dass der Einsatz von Subunternehmen verboten wird", betont Stefan Thyroke. "So wie in der Fleischindustrie." Für den Amazon-Betriebsrat in Bad Hersfeld steht fest: "Das sind unsere Kollegen. Wenn sie für Amazon die Pakete ausliefern, müssen sie auch bei Amazon angestellt sein." Betriebsrat Andreas Gangl weiß nur zu gut: "Wenn es keinen Betriebsrat gibt, macht der Arbeitgeber, was er will."

Mit Mousa Othman von der Fachstelle Faire Integration haben wir in diesem Jahr über die Arbeitsbedingungen bei Amazon auch in unserem Blog wir sind ver.di gesprochen.