Ausgabe 04/2026
Europa wird zusammenrücken

Welche Rolle Wirtschaft und Arbeitsmarkt für Kriege spielen, wurde bisher nur am Rande oder in Einzelaspekten untersucht. Ulrike Herrmann schließt mit ihrem Buch "Geld als Waffe" diese Lücke. Ihre überzeugende Analyse ist sehr beunruhigend: Sowohl Russland als auch China stecken in einer tiefen ökonomischen Krise – und für ihre Herrscher Putin und Xi erscheint Krieg als Ausweg zum persönlichen Machterhalt.
Die Autorin nimmt die Leserschaft mit auf einen Ritt durch die russische und chinesische Geschichte. Beide Imperien machten im 19. Jahrhundert die demütigende Erfahrung, von den hochindustrialisierten Ländern deklassiert und militärisch besiegt zu werden. Während in Europa und Nordamerika die Arbeiterschaft zunehmend am Wohlstand beteiligt war, blieb die Bevölkerung in den beiden Großreichen bitterarm.
Korruption war in der Sowjetunion weit verbreitet, der Staatsapparat aufgebläht und als die Planungsbürokratie zusammenbrach, plünderten die Firmenchefs die Unternehmen. Putin hatte die letzten Jahre der UdSSR als Spion in Dresden verbracht und war dort ein kleines Licht: Als er 1990 nach Leningrad zurückkehrte, gehörte zu seinem Gepäck eine 20 Jahre alte Waschmaschine, die ihm Nachbarn geschenkt hatten.
Danach begann sein kometenhafter Aufstieg, bei dem er systematisch Medien, Opposition und Oligarchen unterdrückte und selbst reich wurde. Wer beim russischen Militär oder in der Rüstungsindustrie arbeitet verdient gut, während der zivilen Wirtschaft die Arbeitskräfte ausgehen und viele Unternehmen dicht machten. Genau das ist die Falle, in der das Land heute steckt: Eine Rückkehr von der Kriegs- zur Friedenswirtschaft würde Jahre dauern und mit Arbeitslosigkeit und Lohneinbußen einhergehen. Deshalb ist die Fortsetzung des Krieges für Putin die einzige Option – und nicht wenige Militärexperten rechnen damit, dass er bald eine neue Front aufmacht, so lange Europas Verteidigungsfähigkeit so schwach ist wie gegenwärtig.
Auch in China ist die Macht heute auf eine Person zugeschnitten – und Xi droht immer offener mit einem Überfall auf Taiwan. Die wirtschaftliche Lage ist viel schwächer als offizielle Zahlen suggerieren: Millionen junge Leute finden keine Arbeit und obwohl der Staat 40 Prozent investiert, steigt die Effizienz nicht. Hier wäre ein Umsteuern von der staatlich subventionierten Bauwirtschaft in höhere Einkommen der Bevölkerung vonnöten. Doch auch das wäre zunächst mit hohen Jobverlusten verbunden; da scheint ein Krieg zur Ablenkung als Ausweg.
Trotz allem endet das Buch optimistisch: Europa wird zusammenrücken und stärker werden, so Herrmanns Prognose. Hoffentlich behält sie Recht.
Ulrike Herrmann: Geld als Waffe – Wie die Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 335 Seiten, 25 Euro, ISBN 978-3462009613