Dass es die schöne heile Handelswelt in Deutschland nicht mehr gibt, hat sich herumgesprochen. Auch das Image von Edeka, Deutschlands größtem Einzelhandelskonzern, gerät ins Wanken. Aber noch haben viele Kund/innen nicht bemerkt, was hinter den Kulissen passiert. Edeka sei Edeka, glauben sie. Aber so ist es nicht. Rund 9000 Filialen der tarifgebundenen Unternehmen Edeka und Rewe wurden bereits an selbstständige Kaufleute abgegeben. Das betrifft schon jetzt rund 200.000 Frauen und Männer, die in diesen Märkten arbeiten. Und es heißt für sie meist, ab dem Zeitpunkt der Ausgliederung mit Niedriglöhnen abgespeist zu werden.

Das neue Betriebsformat bedeutet: keine Tarifbindung mehr und keine Betriebsräte. Verdrängung langjährig Beschäftigter und Rekrutierung von neuen Belegschaften, die weniger verdienen und schlechtere Arbeitsbedingungen hinnehmen. In Einzelgesprächen wird meist sofort nach dem Übergang des Ladens auf den selbstständigen Kaufmann Druck auf die Verkäuferinnen ausgeübt. Einen Betriebsrat brauche man doch gar nicht, heißt es dann gern. Man kenne sich doch und könne alle Probleme miteinander klären. Und wenn der Laden gut laufe, werde auch wieder besser gezahlt. Die neuen Chefs können machen, was sie wollen, das zeigen viele Fälle. Dabei sind sie finanziell meist sehr erfolgreich.

All das belegt eine ver.di-Veröffentlichung. Unter dem Titel "Schöne neue Handelswelt" analysieren ver.di-Experten die derzeit übliche Art des Betriebsübergangs bei Edeka.

Guter Betriebsrat gefragt

Zu denen, die in der Veröffentlichung von ihren Erfahrungen berichten, gehört Bärbel Thamhayn, Betriebsratsvorsitzende vom E-Center Scheuner in Bad Gandersheim. Dass ihr Gremium auf dem Deutschen Betriebsrätetag den Sonderpreis für "Innovative Betriebsratsarbeit" bekommen hat, sei großartig, sagt sie. "Das zeigt doch: Wir haben es richtig gemacht!" Die Auszeichnung entschädigt sie auch für schlaflose Nächte und eine monatelange Auseinandersetzung.

Die Betriebsratsvorsitzende ist seit fast zehn Jahren bei Edeka. Sie bereitet Convenience-Produkte zu, schneidet zum Beispiel Früchte und verpackt sie in Plastikboxen. Sie mag ihre Arbeit und wollte sich auch nichts Neues suchen, als es hart wurde. "Wir hatten schon eine Weile befürchtet, dass es zur Übernahme kommen würde", sagt sie.

Im Februar 2011 war es soweit, von einem Tag auf den anderen. Der selbstständige Kaufmann war ab sofort nicht mehr tarifgebunden, die Betriebsratsmitglieder wurden unter Druck gesetzt, andere Kolleginnen im Laufe der Zeit eingeschüchtert. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen lief der Krach auf Facebook und wurde immer persönlicher. Was sich Bärbel Thamhayn nie hätte vorstellen können.

Doch der Betriebsrat gab nicht auf. "Wir haben erreicht, dass viele Kollegen ver.di-Mitglieder wurden, haben uns regelmäßig getroffen, besprochen, was passieren könnte, und ängstliche Kollegen bestärkt", sagt Thamhayn. "Wir haben sogar Rollenspiele gemacht, ich als Chef verkleidet. Das ging gut, man kannte ihn ja. Wir wollten alles, nur nicht der Lohndrückerei ausgeliefert sein. Keine Zwei-Klassen-Bezahlung." Als alle Verhandlungsversuche gescheitert waren, organisierten sie die erste öffentliche Kundgebung. Netzwerke bildeten sich, zur ver.di-Jugend, zu Kolleg/innen anderer Läden, zu ver.di-Senior/innen. Der Druck half. Im November 2011 hatten sie sich durchgesetzt. Seitdem ist eine Gesamtbetriebsvereinbarung unterschrieben, die für zweieinhalb Jahre Tarifbindung, Urlaubs- und Weihnachtsgeld und Gehaltserhöhungen garantiert. Das E-Center Scheuner ist damit der erste an einen privaten Händler verkaufte Edeka-Markt in der Regionalgesellschaft Hannover-Minden, der weiter tarifgebunden ist.

140.000 Menschen arbeiten jetzt schon bei selbstständigen Edeka-Händlern. Anderen droht die Übergabe an einen Kaufmann. "Wer sich informieren will, kann sich gern bei mir melden", sagt Bärbel Thamhayn. "Wir erzählen, wie wir uns durchgesetzt haben - und was wir heute anders machen würden."

www.handel.verdi.de/themen/privatisierung-im-handel

Deutscher Betriebsrätepreis: Initiiert von der Zeitschrift Arbeitsrecht im Betrieb (Bund-Verlag). www.deutscherbetriebsraete-preis.de

"Wir haben sogar Rollenspiele gemacht. Ich als Chef verkleidet - das ging gut."