Ausgabe 04/2026
Kein Platz mehr für die Pflanze
Die Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt verändert. Wer früher jeden Tag ins Firmenbüro fuhr und dort seiner Arbeit nachging, wechselt heute zwischen mobiler Arbeit von unterwegs, Homeoffice und Betrieb. Neue Raumkonzepte und die Arbeit von daheim haben einen Schub bekommen. Im Homeoffice arbeiten regelmäßig etwa 25 Prozent der Beschäftigten. Das ergab eine Untersuchung für das ver.di-Innovationsbarometer 2025. Die Fragen nach "betrieblichen Raumkonzepten" richteten sich an die Vorsitzenden von Betriebs- und Personalräten sowie Beschäftigtenvertreter*innen in Aufsichtsräten.
Abschied vom eigenen Tisch
Die Arbeit in einem festen Büro oder einer Dienststelle mit einem Schreibtisch und persönlichen Erinnerungsgegenständen ist auf dem Rückzug, zeigte die Befragung. Neben dem Homeoffice sind Arbeiten von unterwegs, Arbeiten im digitalen Raum und Arbeiten an wechselnden Plätzen innerhalb des Betriebes üblich. Viele Unternehmen reduzieren ihre Büroflächen und halten nicht mehr für jede*n Mitarbeiter*in einen festen Arbeitsplatz vor. Die Schreibtische stehen oft in größeren Räumen und werden von wechselnden anwesenden Beschäftigten genutzt. Für eigene Pflanzen, Poster und anderes Persönliches bleibt kaum Platz. Dabei haben manche Dienstleistungsunternehmen bereits vor Corona mit der Umgestaltung angefangen. Etwa die Zurich Gruppe Deutschland, ein Versicherer mit Hauptsitz in Frankfurt am Main und Köln. Die geplante Zusammenlegung zweier Standorte in ein Gebäude in Köln war vor einigen Jahren ein Schlüsselmoment für den Gesamtbetriebsrat (GBR). "Die Beschäftigten waren sehr besorgt, was das neue Raumkonzept mit größeren Flächen statt Einzelbüros und neuen Elementen wie Sitzecken, Besprechungsräumen und Cafés für sie bedeuten würde", sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Karl-Heinz Marx. Auf der neu entstehenden Arbeitsfläche würden sie sichtbarer werden. Für den GBR wurden die Planungen und damit verbundenen Bedenken der Kolleg*innen zur Chance, das Wohlbefinden der Beschäftigten in den Mittelpunkt zu rücken.
Deskbikes und Sitzhocker
2019 wurde eine Gesamtbetriebsvereinbarung zu Gesundheitsfragen beschlossen, die um ein passendes Raumkonzept für den neuen Gemeinschaftsstandort Köln ergänzt wurde. Hier sind viele Erleichterungen für die Kolleg*innen vereinbart worden. Sie können während der Arbeitszeit pausieren und Sport- oder Fitnessangebote nutzen. Beschlossen wurde die Anschaffung von "Deskbikes" (Schreibtischfahrräder) sowie höhenverstellbarer Sitzhocker. "Wir haben eine sehr, sehr gute Mitbestimmungskultur im Unternehmen und das führt dazu, dass wir in der Regel sehr früh in viele Prozesse eingebunden werden", so Karl-Heinz Marx. Ideen der Betriebsräte würden nicht nur gehört, sondern eben auch umgesetzt. Dank der Mitgestaltung am neuen Raumkonzept in Köln nehmen die Beschäftigten die Veränderungen auch an und die Angebote für Gesundheit und Fitness in Anspruch.
Doch nicht überall wird eine akzeptable Mitbestimmungskultur gelebt. So ergab die Befragung für das ver.di-Innovationsbarometer, dass oft bestimmte Räume fehlen: 39 Prozent möchten mehr Besprechungsräume, 36 Prozent Einzelbüros und 31 Prozent Ruhe-Arbeitsplätze bzw. Ruhebereiche. In manchen Unternehmen fehlten dringend benötigte Raumtypen komplett, gaben die Betriebs- und Personalräte an. Das betreffe Sozial- und Besprechungsräume, Ruhe-Arbeitsplätze sowie schallgeschützte Bereiche.
Mit einer frühzeitigen Einbeziehung der Belegschaften – wie bei Zurich – würden solche Missstände vermieden. Zu diesem Urteil gelangt Rebecca Liebig, Mitglied im ver.di-Bundesvorstand. "Die Beteiligung der betroffenen Beschäftigten und ihrer gewählten Vertretungen erweist sich als Schlüssel für die Qualität und Akzeptanz der Raumkonzepte." In Zeiten, in denen viele Beschäftigte zwischen Arbeit im Betrieb, im Homeoffice, im digitalen Raum und von unterwegs aus wechseln, also sogenannte hybride Arbeitskonzepte wichtiger werden, müssten die Mitbestimmungsakteure "neue Formen der Ansprache und Beteiligung finden", um im Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen zu bleiben.
Flurfunk per App
Auch unter den Beschäftigten ändern sich die Kontakte, wenn der eine zu Hause, die andere von unterwegs aus arbeitet. Längst ist bekannt, wie wichtig der informelle Austausch zwischen Kolleg*innen am Kopierer oder in der Mittagspause ist. Wie sich die früher als "Flurfunk" verbreitete Kurzkommunikation wiederherstellen lässt, zeigt ein Beispiel: Beim Buchgroßhändler Libri gibt es ein Vernetzungstool, das hilft, Kolleg*innen aus anderen Teams kennenzulernen. Seit dem Frühjahr 2025 können sich die etwa 290 Beschäftigten per Libri.Date zu einer virtuellen Kaffeepause über MS Teams oder zu einem persönlichen Treffen verabreden. "Vor allem wer hier neu anfängt, nutzt das Tool gerne, um besser in der Belegschaft Fuß zu fassen", sagt die Betriebsratsvorsitzende Gabriele Ahmling.
Ähnlich wie bei Dating-Apps funktioniert die Zusammenführung der Beschäftigten, die sich kennenlernen wollen, per Zufallsauswahl. So unterschiedlich die Lösungen sind, ob in Köln oder bei Libri, eines eint sie: Sie entstehen mit den Beschäftigten, nicht über ihre Köpfe hinweg.
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