Ausgabe 05/2026
"Ich habe viel geweint"

"Ich habe in Polen viele Jahre als Verkäuferin gearbeitet. Vor 12 Jahren ist mein Mann gestorben, kurz danach habe ich meinen Job verloren und konnte keine neue Arbeit finden. Irgendwann waren alle Ersparnisse weg, ich hatte Schulden, war allein und verzweifelt.
Meine Schwester hatte die Idee, dass ich als Betreuerin in Deutschland arbeiten könnte. Ich bewarb mich bei einer Agentur in Krakau und bin kurz darauf – ohne Pflegeerfahrung und Sprachkenntnisse – nach Berlin zu meiner ersten Stelle geschickt worden. Mir war damals alles egal. Ich brauchte Geld, ich hätte alles gemacht.
Ich kam zu einem Patienten mit Demenz und seiner Frau, in ein Einfamilienhaus. In meinem Agentur-Profil stand, dass ich ausgebildete Krankenschwester bin, gut Deutsch spreche und einen Führerschein habe. Das Einzige, was stimmte, war der Führerschein. Aber die Frau meines Patienten erwartete, dass ich alles verstehe und alles kann. Ihr Mann war ein Professor. Er hat immer viel über seine Arbeit sprechen wollen. Es war der Frau wichtig, dass die Betreuerin mit ihrem Mann reden kann. Deshalb war sie am Anfang wütend – nicht so sehr auf mich, sondern auf die Agentur.
Im Vertrag standen 40 Sunden Arbeitszeit pro Woche. Die Realität war anders. Ich musste von morgens um 7 Uhr, wenn mein Patient aufwachte, bis abends gegen 23 Uhr, wenn er ins Bett ging, arbeiten oder in Bereitschaft sein. 16 Stunden pro Tag, 7 Tage die Woche. Ich hatte keine Pause, keine Freizeit. Wenn mein Patient Mittagsschlaf machte, musste ich Hausarbeiten machen. Alles Medizinische hat die Frau übernommen, also Medikamente verabreichen, Wunden versorgen.
Alles andere musste ich machen: Ankleiden, Körperpflege, Essen, Fahrdienste, Putzen – nicht nur im Zimmer meines Patienten, sondern das ganze Haus – Wäsche machen, bügeln, Gartenarbeiten, das Auto putzen und mehr. Die Agentur sagte, das wäre normal, schließlich würde ich dort wohnen. Die Frau hat mir den Vertrag gezeigt. Da stand, dass ich alles mache und 24 Stunden zur Verfügung stehe. Ich war so erschöpft. Und überfordert. Ich konnte nichts verstehen, kannte mich auch mit Demenz nicht aus. Ich war sehr einsam. Ich habe viel geweint.
Am Anfang war die Frau sehr streng mit mir. Als sie sah, dass ich mit ihrem Mann gut umgehe und er mich akzeptiert, hat sich ihr Verhalten geändert. Sie hat meine Arbeit geschätzt. Und auch, dass ich versucht habe, die Sprache zu lernen. Je besser das ging, umso mehr konnte ich mit meinem Patienten sprechen, mit seiner Frau und allen Besuchern. Es kamen außer seinen Töchtern auch jede Woche ehemalige Doktoranten von ihm. Und dadurch, dass ich besser sprechen konnte, habe ich auch die Nachbarschaft kennengelernt und konnte Kontakte knüpfen. So wurde es Stück für Stück besser mit meiner Einsamkeit.
Später hat die Frau meines Patienten mir auch öfter mal freigegeben. Nicht weil die Agentur das wollte, sondern sie. Von der Agentur habe ich für meine Arbeit 1.000 Euro ausgezahlt bekommen, meine Sozialbeträge wurden in Polen gezahlt. Einmal habe ich die Überweisung der Frau an die Agentur gesehen: 2.500 Euro. Ich habe weniger als die Hälfte davon bekommen.
Die psychische Belastung war das Schlimmste
Ich war drei Jahre bei meinem Patienten – bis zu seinem Tod. Diese Familie hat mich zwar ausgebeutet, aber ich habe von ihr auch viel gelernt: die deutsche Sprache, eine ganze Menge über Pflege, speziell über Demenz, und was in Deutschland zulässig ist und was nicht. Als mich die Agentur in eine neue Stelle nach Baden-Württemberg schickte, bin ich mit einem anderen Selbstbewusstsein gegangen. Ich wusste, dass ich einen freien Tag und tägliche Pausen brauche und habe das von Anfang an durchgesetzt. Mittlerweile bin ich direkt bei einer Familie beschäftigt, ohne Agentur. Das ist das Beste. Ich habe einen richtigen Arbeitsvertrag – Vollzeit, mit gesetzlichen Pausen, Urlaub und vollen Sozialbeiträgen.
Wenn ich auf die ersten Jahre zurückblicke, war die psychische Belastung das Schlimmste. Du bist für jemanden verantwortlich und oft völlig allein mit den Problemen. Du bist 24 Stunden mit dem Patienten. Du lebst sein Leben, nicht dein eigenes. Und die Erwartungen der Familien sind immer größer, weil die Agenturen alles versprechen. Dabei sind wir Betreuerinnen nur eine Ergänzung der Pflege durch Angehörige, nicht Ersatz. Aber das wissen viele Betreuerinnen nicht, so wie ich anfangs auch nicht.
Ich will aufklären und helfen. Deshalb bin ich sehr aktiv auf Facebook in verschiedenen Gruppen für Betreuerinnen. Ich schreibe dort Beiträge, zum Beispiel was die Unterschiede zwischen verschiedenen Verträgen sind, wann das Arbeitsgesetz greift, was es bei Kündigung zu beachten gibt und so weiter. Also viele rechtliche Sachen. Aber es geht auch um Pflege und um Alltagsprobleme.
Viele Betreuerinnen haben Probleme mit der Unterkunft, manche werden in einem Zimmer im Keller untergebracht, manche nur auf einer Matratze ohne Bett. Die Verpflegung ist oft ein Problem. In den Verträgen steht, dass die Familie dafür sorgen muss. Aber es passiert, dass die Betreuerinnen zu wenig zu essen bekommen oder nur Brot mit Marmelade. Eine Betreuerin berichtete, dass sie nur alle zwei Wochen duschen durfte. Das sind natürlich extreme Fälle. Aber sie passieren. Und Frauen, die gerade anfangen zu arbeiten, das Geld brauchen, trauen sich nicht etwas zu sagen. Die Agenturen nutzen die Notlagen der Frauen aus.
Letztes Jahr durfte ich auf einer Pflegekonferenz einen Vortrag über die Häusliche Pflege halten. Das war gut. Denn es geht immer nur um Pflegeeinrichtungen und Pflegende Angehörige. Niemand redet über uns Betreuerinnen. Diesen Beruf gibt's in Deutschland offiziell nicht. Wenn's um die Bezahlung geht, werden wir als Haushaltshilfe eingestuft, aber wir machen Pflege und Haushalt – zwei Sachen zusammen. Wir sind wichtig. Ohne uns funktioniert das Pflegesystem in Deutschland gar nicht."
Protokoll: Fanny Schmolke
Moderne Sklavenarbeit
In Deutschland leben rund 5,7 Millionen pflegebedürftige Menschen. 86 Prozent von ihnen werden zu Hause betreut, größtenteils durch Angehörige, teils mit Unterstützung ambulanter Pflegedienste – und sehr oft durch Erwerbstätige aus Osteuropa, die in den Privathaushalten der Familien leben. Die Zahl osteuropäischer Betreuungskräfte, meist Frauen, wird auf 300.000 bis 600.000 geschätzt. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Die stark gestiegene Zahl von Vermittlungsagenturen spricht jedoch für eine wachsende Nachfrage: Waren es 2009 etwa 60 Agenturen, zählte das Vergleichsportal
Die Betreuerinnen arbeiten meist im Rotationsprinzip, nach zwei bis drei Monaten in einem Haushalt wechseln sie, um zwischendurch in ihre Heimat zu fahren. Zu ihren Aufgaben gehören neben Haushalts- auch Pflegetätigkeiten, wie Unterstützung bei Körperpflege, Toilettengang, Mahlzeiten. Medizinische Pflege darf nur von geschultem Personal durchgeführt werden, wird von den Familien aber teils trotzdem erwartet. Das Versprechen einer "Rundum-Betreuung" der Vermittlungsagenturen führt zudem oft zur Erwartung permanenter Verfügbarkeit und exzessiven Arbeitszeiten.
Viele Betreuerinnen genießen keinen arbeitsrechtlichen Schutz, da sie über Agenturen als Solo-Selbstständige vermittelt werden, gegen meist hohe Gebühren. Auch beim Arbeitgeber- oder Entsende-Modell werden geltende Arbeitszeitregelungen häufig umgangen – nicht vergütete Bereitschaftszeiten sind die Regel. Ein großer Teil der Beschäftigung findet zudem undokumentiert und ohne Vertrag und jeglichen Schutz statt. Hilfe bietet das DGB-Projekt "Faire Mobilität", das Beschäftigte aus Mittel- und Osteuropa zu ihren Rechten auf dem deutschen Arbeitsmarkt informiert und berät.