04_Jugendamt_Belastung.jpg
Zu viele Fälle lasten auf den Beschäftigten in den JugendämternFoto: Stefan Boness / VISUM

"Starke Kinder, starke Zukunft!" – ein schöner Slogan sei das Motto des diesjährigen Weltkindertages, sagt Stefanie Lehmann, Beschäftigte der Kita-Eigenbetriebe Bremen. Um Kinder stark zu machen, weiß sie, braucht es vor allem eines: Zeit. "Zeit, um sie wahrzunehmen, ihnen zuzuhören, in Kontakt und Austausch zu gehen, um Beziehungen aufzubauen und zu festigen." Der Kita-Alltag sehe jedoch anders aus: "Aktuell ist es so, dass wir nur betreuen, verwahren und schauen, dass wir die Aufsicht gewährleisten. Zeit für Beziehungen ist nicht da."

Anika Ast vom Fachbereich Jugend und Familie in Hannover berichtet ähnliches aus den Jugendämtern: Fehlendes Personal, viel zu hohe Fallzahlen und ständiger Druck führe dazu, dass keine präventive Arbeit mehr geleistet werden könne und die Kolleg*innen den zu betreuenden Kindern und Familien nicht mehr gerecht werden können. "Die Rahmenbedingungen geben es im Moment nicht mehr her, dass ich mit einem guten Gefühl nach Hause gehe und denke, ich habe heute eine gute Entscheidung getroffen", sagt sie.

Dauerhaft unterbesetzt

Der "Realitätscheck Soziale Arbeit", den ver.di am 16. September vorgestellt hat, verdeutlicht, dass diese Erfahrungen keine Einzelfälle sind. "Bedrückend und alarmierend" nennt Christine Behle, stellvertretende ver.di-Vorsitzende, die Ergebnisse der umfassenden Befragung, für die Meinungsbilder aus verschiedenen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit, darunter Kindertagesstätten und Jugendämter, ausgewertet wurden.

Gemeinsam mit dem Fuldaer Professor Nikolaus Meyer und dem Mannheimer Professor Yalçın Kutlu hat ver.di 373 Teams zu Personalbesetzung, Arbeitsbelastung, Einkommen, Beschäftigungssicherheit und Zukunft ihrer Einrichtungen befragt. Die Befunde: Offene Stellen, Krankheitsausfälle und eine insgesamt unzureichende Personalausstattung. Die Folge sind dauerhafte Unterbesetzung, hohe Arbeitsbelastung, Erkrankungen und Fluktuation. Darunter leiden die Beschäftigten – und die fachliche Qualität der Arbeit. Die Rechte von Kindern, Jugendlichen und Familien sowie die Verlässlichkeit der sozialen Infrastruktur werden beeinträchtigt. "Die Leidtragenden sind die Menschen, die Hilfe und Unterstützung brauchen", sagt Behle.

In Zahlen: 79 Prozent der befragten Teams berichten von einer deutlich gestiegenen Arbeitsmenge. 77 Prozent geben an, die Rechte und Bedürfnisse der betreuten Kinder, Jugendlichen und Familien oft oder sehr häufig nicht vollständig erfüllen zu können. 79 Prozent verzeichnen häufig Abstriche bei der Qualität ihrer Arbeit. Knapp 79 Prozent erreichen dabei oft oder sehr häufig ihre persönliche Belastungsgrenze. 87 Prozent haben Sorge, den Beruf nicht bis zur Rente ausüben zu können.

Was der Realitätscheck auch zeigt: Die Fälle in der Sozialen Arbeit werden immer komplexer, die Förder- und Unterstützungsbedarfe der Kinder und Familien steigen. Als Gründe nennt Behle unter anderem Armut, Arbeitslosigkeit, Krisen, Flucht und Krieg. Sie weist in dem Zusammenhang auch auf die neue PISA-Studie hin, die klar macht, dass der Bildungserfolg in Deutschland vor allen Dingen von der sozialen Herkunft abhängig ist. Der aktuell vorangetriebene Abbau des Sozialstaates – wie die geplanten Kürzungen beim Unterhaltsvorschuss, beim Kindersofortzuschlag, beim Wohngeld und beim Elterngeld – werde die Situation von Kindern und Jugendlichen weiter verschärfen. "Was wir brauchen, ist eine ausreichende Personalbemessung – in allen Feldern der sozialen Arbeit", fordert Christine Behle. Das sozialpädagogische Personal müsse besser ausgestattet und auch besser ausgebildet sein. "Es darf an Qualifikation nicht gespart werden."

In Qualität investieren

Im Kita-Bereich könnte man aktuell sinkende Kinderzahlen nutzen, um Gruppen zu verkleinern und die pädagogische Qualität zu verbessern. Stattdessen drohen vielerorts Gruppenschließungen und Stellenkürzungen. Das kritisieren viele der Befragten. "Gerade jetzt, wo in vielen Bundesländern die Kinderzahlen sinken, könnte man viele Kolleg*innen in die qualitative Arbeit stecken", sagt Stefanie Lehmann. Beim Kitaausbau der letzten Jahre habe die Schaffung möglichst vieler Plätze im Vordergrund gestanden, oft mit Abstrichen in der pädagogischen Qualität. "Jetzt wäre die einmalige Chance, wirklich in Qualität der frühkindlichen Bildung zu investieren." Dazu brauche es allerdings die politische Bereitschaft, in Kinder und Beschäftigte zu investieren statt in Panzer und Kampfjets.