Wenn Ihre Weihnachtspost auch in diesem Jahr wieder rechtzeitig eintrifft, liegt das nicht am guten Management der Deutschen Post AG. Für das Gelingen des Festes haben die Zusteller/innen gesorgt. Mit hoher Arbeitsmoral und meist auf dem Zahnfleisch

Bis zu 70 Kilo Post geht den Zusteller/innen auf die Speichen

VON JENNY MANSCH

Die Post leistet sich zu wenig Personal. Das hat sich mittlerweile landesweit herumgesprochen. Seit langem weist ver.di auf die katastrophale Personalsituation beim Logistiker hin, die den Kolleg/innen zu große Bezirke und Schichten bis zu 10 Stunden beschert. Doch erst seit eine Berliner Tageszeitung Ende Oktober die Beschwerde eines Briefkunden veröffentlichte und damit eine Flut von weiteren Kundenreklamationen lostrat, kam öffentliche Bewegung in die erstarrte Argumentation der Post. Bisher hatte sie geklungen wie eine stecken gebliebene Schallplatte: Die gerügten Vorgänge seien nichts als bedauerliche Einzelfälle. Doch das wollte angesichts massenhaft liegen gebliebener oder viel zu spät zugestellter Sendungen nicht mehr recht zünden.

Mitlaufen unerwünscht

Also möchte ich mir ein eigenes Bild machen von den Auswirkungen des Personalmangels und äußere den kühnen Wunsch, einen Briefzusteller einen Tag lang bei der Arbeit zu begleiten. "Vergiss es", winkt Benita Unger ab, im Berliner Landesbezirk von ver.di zuständig für die Post. "Die Kolleg/innen werden stichprobenartig überprüft. Wenn rauskommt, dass da jemand mitgelaufen ist, dann kriegen die richtig Ärger. Du wirst keinen finden." Ich frage also bei der Pressestelle der Post an. Dort bekomme ich die sehr freundliche Auskunft, die Kolleg/innen möchten nach dem Trubel in der Presse nur noch in Ruhe ihre Arbeit machen.

Dergestalt ausgebremst, gehe ich zur Guerilla-Taktik über und kralle mir den nächst besten Zusteller. Ein junger Mann, der dynamisch die Treppen eines Laufhauses hochspringt. Laufhäuser gibt es viele in Berlin. Sie heißen so, weil sie abgelaufen werden müssen. Statt zentraler Briefkästen haben die Altbauten noch individuelle Schlitze in den Wohnungstüren. Also vier bis fünf Stockwerke hoch und wieder runter, dasselbe in den Seitenflügeln und den bis zu drei Hinterhöfen. "Na, 10 Stunden arbeite ick im Moment. Aber dit is ja inzwischen normal", keucht mein Zusteller und ist schon eine halbe Treppe weiter.

Mittlerweile betont die Post AG, zur Linderung des gröbsten Schmerzes bundesweit 1000 neue Vollzeitkräfte einzustellen - befristet bis Mai. Das würde den Zustellstützpunkten in den Ballungsräumen grade mal drei bis vier neue Leute bescheren. Für meine Gesprächspartner, die ich mittlerweile am Telefon interviewen darf, wenn ich ihre wirklichen Namen nicht verrate, ein Witz.

"Ich lerne grade so ein armes Schwein an", erzählt Inge Kaldenbach. "Die stehen unheimlich unter Druck. Wir mit unserer Erfahrung schaffen die Arbeit nicht mehr, wie soll denn das einer in zwei Wochen lernen: all die Aufkleber, die Sendungsarten, Infopost schwer, die Kataloge. Der braucht den Kopf eines Professors und den Körper eines Marathonläufers."

Auch in ihrem Briefzentrum bleiben regelmäßig massenhaft Sendungen liegen, weil die regulären Zusteller nach 10 Stunden und 45 Minuten Pause ihre Tour abbrechen müssen. Eingesetzte Springer kommen nicht mehr hinterher, also bleibt der Rest bis zum nächsten Tag oder länger liegen.

Die Kinderlandverschickung

Fritz Gall - auch sein Name klingt sonst viel schöner - sieht vor zusätzlichen Sendungen keinen Feierabend mehr. Er arbeitet auf dem Land, sein Zustellstützpunkt ist das Briefzentrum Bonn. Ein Bezirk wie seiner wird von den Städtern auch als "Kuschelbezirk" bezeichnet, auf die auch noch andere Zeiten zukommen werden. Doch auch auf dem Land bleiben Sendungen oft liegen, die Bezirke sind zu groß, das ländliche Gelände oft unwegsam. Ihn ärgern vor allem die so genannten Qualitätsmanager. "Das sind meistens alte Zustellerkollegen. Die haben die Aufgabe, Fehler zu finden, zu gucken, ob wir was falsch machen. Und wenn du aufmuckst, meinetwegen in einer Betriebsversammlung, dann kommst du danach auch mal in die Kinderlandverschickung." Das heißt, statt im Stammbezirk zu arbeiten, wird man eine Zeitlang in einen weit entfernten unbekannten Bezirk verbannt. "Um sich abzukühlen", sagt Gall.

Auch die Ungleichbehandlung zwischen Groß-und Privatkunden geht dem Mann auf die Speichen. Er versteht, warum die Großen vorrangig behandelt werden, "aber die halten sich an keinerlei DIN-Normen, was Maße, Größe und Gewicht angeht. Wie soll ich solche Ungetüme zu meinen 70 Kilo in den Taschen auch noch aufs Fahrrad kriegen?" Den Service, der dem Beruf des Postboten einst den ersten Platz unter den angesehensten beschert hatte, gibt es nicht mehr, der Rendite wegen. "Wenn mich einer sieht, wie ich einem alten Mütterchen die Mülltonne an die Straße rolle, weil sie es nicht mehr schafft, dann schneiden die mir gleich den Bezirk größer."

So kann man sich durchs ganze Land telefonieren. Die Kolleg/innen in Ost und West laufen auf dem Zahnfleisch, und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Die Kunden klagen, dass sie tageweise keine Post bekommen. Nun kursieren nach Presseberichten auch noch Konzepte, mit denen sich die Post den Vorgaben der EU und ihren Aktionären empfehlen möchte. Zukünftig soll womöglich nur noch an fünf Tagen zugestellt und Briefkästen nur noch nach Bedarf geleert werden.

Entsprechend sauer wandte sich die ver.di-Vize-Vorsitzende Andrea Koscis Mitte November denn auch mit: "Wir haben die Schnauze voll", an die 600 in Bremen versammelten Betriebsräte und mehrere Hundert Kolleg/innen aus ganz Deutschland. Die vielen Interessenvertreter/innen waren als Fleisch gewordener Gegenbeweis der inkriminierten "Einzelfälle" in Bremen erschienen.

Riesige Arbeitszeitblase

Allein die Zahlen machen ganz schwindlig: Sechs Millionen Überstunden sind bei den Zusteller/innen aufgelaufen, anderthalb Millionen Tage Urlaubsansprüche aus dem vergangenen Jahr stehen noch aus. Das ist eine gigantische Arbeitszeitblase, die sich da finanzkrisengleich aufbläht. Bevor die platzt, empfiehlt die Gewerkschaft Ihres Vertrauens 10000 neue Vollzeitbeschäftigte. Das kurbelt den Konsumrausch mehr an als der Erlass der Kfz-Steuer für ein halbes Jahr.