USA | ver.di-Bundesvorstandsmitglied Lothar Schröder war vier Wochen in den USA, um die Gewerkschafter der Communications Workers zu unterstützen. Vor allem die T-Mobile-Beschäftigten dort sind purer Willkür ausgesetzt

ver.di PUBLIK | Du hast deinen Urlaub bei T-Mobile USA verbracht. Warum?

LOTHAR SCHRÖDER | Die amerikanischen Kollegen haben mir immer wieder die Situation geschildert. Jetzt wollte ich mir selbst vor Ort ein Bild machen.

ver.di PUBLIK | Und was kannst du jetzt nach einem Blick in die Betriebe sagen?

SCHRÖDER | Bei AT&T in New Orleans haben wir uns vorgestellt, wurden in den Pausenraum geführt, die Beschäftigten wurden informiert, dass wir da sind. Wir haben drei Stunden mit ihnen gesprochen und konnten in der Zeit ein Dutzend neue Mitglieder aufnehmen. Ganz anders bei T-Mobile USA. Ich habe vor Call-Centern Flugblätter verteilt und wollte mich vorstellen, wurde aber nicht reingelassen. Die Beschäftigten waren vorsichtig, unsere Flugblätter anzunehmen; es herrscht ein Klima der Angst, die das Unternehmen schürt. T-Mobile ließ in einer Stadt Autokennzeichen von Beschäftigten aufschreiben, die Kontakt zu uns aufgenommen hatten.

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ver.di PUBLIK | Was haben die Beschäftigten von T-Mobile berichtet?

SCHRÖDER | Ich habe mit vielen gesprochen, die die Situation nicht mehr ertragen können. Es herrscht Willkür. Im Prinzip kann jemand für die falsche Farbe seiner Turnschuhe entlassen werden. Wild gewordene Vorgesetzte wollen mit Schikanen unerreichbare Zielvorgaben durchsetzen. Die Kollegen müssen zum Teil in 97,5 Prozent der Arbeitszeit telefonieren, zeitgleich sollen sie Mails beantworten und Anrufe nachbearbeiten. In manchen Call-Centern werden die Agenten während der Arbeit mit lauter Musik und laufendem Fernseher beschallt und von brüllenden Teamleitern bedrängt. Die Fluktuation in den Call-Centern von T-Mobile ist unglaublich hoch. Wer die Zielvorgaben nicht einhält, verliert nicht nur die Boni, sondern muss schon mal - wie in Nashville - eine Eselskappe tragen. Das ist einfach unvorstellbar. Es ist betriebliche Praxis, suspendiert und nach Hause geschickt zu werden, um eine Strafarbeit zu schreiben: Warum bin ich so schlecht und was will ich tun, um besser zu werden? Wer keine zufriedenstellende Antwort findet, riskiert die Entlassung. Die Kollegen schätzen, dass bei T-Mobile alle drei Jahre die komplette Belegschaft ausgetauscht ist. Die Menschen sind jeden Tag existenziell bedroht. Darunter leidet die Servicequalität, aber vor allem die Gesundheit der Beschäftigten. Manche Ärzte sprechen vom T-Mobile-Syndrom, das bedeutet Burnout.

ver.di PUBLIK | Warum ist die Gewerkschaft dort trotzdem im Vergleich zu Deutschland so schwach?

SCHRÖDER | Damit die Gewerkschaft im Betrieb anerkannt wird, muss sich mehr als die Hälfte der Beschäftigten offen dafür aussprechen. Im Abstimmungsverfahren nimmt das Unternehmen gewaltig Einfluss, mit geschlossenen Veranstaltungen und externen Gewerkschaftsvermeidungsanwälten.

ver.di PUBLIK | Wie sieht Dein Fazit aus?

SCHRÖDER | Die Menschen brauchen eine Stimme im Betrieb. Ich bin mit der deutschen Vorstellung von Anstand dorthin gefahren. T-Mobile ist ein Tochterunternehmen der Deutschen Telekom. Die Amerikaner mögen andere Gesetze haben, aber der Anspruch auf Anstand und Humanität darf dort kein anderer sein. Erst recht nicht für ein deutsches Unternehmen, dessen Großaktionär die Bundesrepublik Deutschland ist. Wenn die Menschen im Betrieb keine Stimme haben, also die Gewerkschaft ausgeschlossen ist, ist der Willkür Tür und Tor geöffnet. Wir werden die Kolleginnen und Kollegen weiter unterstützen, auch mit unserer Online-Petition an Telekom-Chef René Obermann.

INTERVIEW: Silke Leuckfeld

Online-Petition: www.weexpectbetter.org/unterstutzt-die-online-petition.html

Reisetagebuch: http://visitcwa.blog.de

Im Prinzip kann jemandfür die falsche Farbe seinerTurnschuhe entlassen werden